Einige lose Gedanken zum Thema Fernsehserien am Beispiel von Mad Dogs

Ich habe keinerlei passende Fotos zum Thema Belize gefunden.
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Mad Dogs ist eine von Amazon produzierte Serie, deren erste Staffel vor einer Weile veröffentlicht wurde. Eine ganze Weile zuvor gab es einen interessanten Ansatz, für mehrere Serien wurde eine Pilotfolge produziert, online gestellt und die Zuschauer wurden um Feedback gebeten, welche Pilotfolge wie gut gefiel. Und von den vermutlich beliebtesten wird eine ganze Staffel gemacht. Als erstes hatte es so die durchwachsene Philip K. Dick-Adaption The Man in the High Castle geschafft, danach gab es eben auch eine ganze Season Mad Dogs. Während ich bei erstgenannter gerade mal drei Folgen weit kam, habe ich bei zweitgenannter jetzt die komplette Staffel hinter mich gebracht. Die folgenden Zeilen enthalten vermutlich inhaltliche Vorwegnahmen, wenn Du also Spoiler vermeiden möchtest, geh flink zu Amazon, schau die Serie an, wir sehen uns in ungefähr 8 ½ Stunden wieder.

Ich habe keinerlei passende Fotos zum Thema Hunde gefunden.
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Erstmal zum offensichtlichen, Mad Dogs ist das US remake einer britischen Serie, die Handlung wurde von Mallorca nach Belize verlegt. Interessanterweise spielt Ben Chaplin sowohl im Original als auch in der Kopie mit. Die restliche Besetzung besteht aus diversen bekannten Gesichtern. Michael Imperioli (Sopranos), Romany Malco (Weeds), Steve Zahn (Nebenrollen in gefühlt jedem zweiten mittelprächtigen Film der letzten 20 Jahre), Billy Zane (Twin Peaks, Titanic, Back to the Future,…), Ted Levine (Schweigen der Lämmer, Monk). Die Serie stellt also gleich sicher, dass man ab Start ein vertrautes Gefühl hat, irgendwen kennt man ja auf jeden Fall schon.
Stilistisch wirkt Mad Dogs sehr wie Weeds, zwischen krass schockierenden und abstrakt komischen Momenten. Die Staffel ist zehn Folgen lang, was im Vergleich zu sonstigen Serien mit 20+ Folgen-Staffeln recht kurz wirkt. Allerdings waren mir schon die zehn Folgen zu viel, zwischendurch wirkt es arg, als müssten drei oder vier Folgen irgendwie gefüllt werden. Die Methode ist dabei stets, noch mehr Nebenhandlung, noch mehr sonderbare Ideen, noch mehr absonderliche Wendungen einzubauen. Und so hat Mad Dogs eine sehr moderne Erzählstruktur. Es ist ganz und gar keine prozedurale Serie, bis auf das vorspannersetzende Standbild gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Folgen. Auch ist die Handlung zu durchbrochen, als dass man von einem linearen Aufbau über die Staffel hinweg sprechen kann. Für mich wirkte daher die Einteilung der einzelnen Folgen etwas erzwungen, ein paar Folgen ähneln sich, einige stehen atmosphärisch allein. Ich glaube, mir hätte besser gefallen, wenn die story in weniger und größeren Häppchen erzählt würde. Drei oder vier 90-Minuten-Folgen à la Sherlock würden vielleicht gut passen. Ich finde, dieses Miniserienmodell eignet sich gut, um Inhalte einzufangen, die zu groß für einen Film und zu komplex für viele Serienfolgenhäppchen sind.
Glücklicherweise wird es von Mad Dogs keine zweite Staffel geben, die gestreckte erste Staffel würde mich vermuten lassen, dass eine Fortsetzung nicht besser würde. Auch war ich zufrieden mit dem Ende, in mir fragte nichts danach, wie es jetzt weiterginge.

Ich habe keinerlei passende Fotos zum Thema Drogen gefunden.
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Ich kann durchaus den Charm einer traditionellen Serie nachvollziehen. Dieses wohlige Gefühl, dass man nicht nur die vertrauten Darsteller immer wieder sehen kann, sondern auch stets den vertrauten Folgenaufbau vorfindet. Jedoch denke ich, dass bei so einer Serie mit formulaischem Aufbau gar nicht wichtig ist, ob sie einem überhaupt gefällt. Ich denke, beim Schauen einer Serie setzt nach einigen Folgen so etwas wie das Stockholm-Syndrom ein. Die reine Vertrautheit, die sich nach wenigen Folgen einstellt, sorgt meiner Meinung nach dafür, dass man die Serie dann doch mag, auch, wenn man sie initial doch gar nicht so gut fand.
Bei all dieses neumodischen Serien, die eine ambitioniertere Struktur vorweisen, bleibt das weitgehend aus. Zwar sieht man immer wieder die gleichen Leute, aber ich denke, dass gerade der immer gleiche Aufbau viel der schnell wachsenden Vertrautheit ausmacht.
Um das auszugleichen, müssen die Charaktere einer Serie mit ausschließlich folgenübergreifendem Handlungsbogen schnell viel Bindung herbeiführen. Das macht Mad Dogs ganz passend. Schon, dass der Hauptcast aus vier recht unterschiedlichen Typen besteht, bringt das Potential, dass sich jeder Zuschauer irgendwie wiedererkennt. Die Nebenrollen bestehen fast ausnahmslos aus sehr starken, sehr krassen Charakteren, was es einfach macht, sie sich sofort einzuprägen und so einen schnellen Bezug herzustellen.

Daher illustrieren diese zufälligen Vogelbilder den Artikel.
Daher illustrieren diese zufälligen Vogelbilder den Artikel.

Ich fand Mad Dogs spannend und spaßig genug, um die ganze Staffel dabei zu bleiben, und hatte auch zwei oder drei mal am Ende einer Folge das Bedürfnis, gleich weiter zu schauen. Allerdings, wie oben schon beschrieben, bei einigen Folgen blieb eher ein dezent gelangweiltes Gefühl zurück, ein bisschen mehr Kompaktheit hätte ich da schön gefunden, und das trotz meines offensichtlichen Hangs zu Abschweifungen.
Mir haben auch die Produktion und das Produktionsdesign gefallen, das war etwas, was mir die andere Amazonserie Man in the High Castle sehr verleidete, weil diese immer billig aussah.
Wo für mich Mad Dogs richtig brillierte, waren die Nebenrollen. Die Serie lebt sehr vom stetigen Strom dazukommender Charaktere und verliert an drive, wenn man eine ganze Folge ohne neue Personen verbringen muss. Allesamt sind ausgefallen und überzeichnet. Aushängeschild ist sicher der kleinwüchsige katzenkopftragende Auftragskiller, der schon in der ersten Folge auftaucht, aber bis auf die vier Haupthelden und wenige Ausnahmen ist in Mad Dogs keiner normal oder langweilig. Und so zeigt die Serie viele Folgen lang, wie vier vermeintlich langweilige Typen in einer Welt von bedrohlich sonderbaren Personen leben, die der Artenvielfalt der lokalen Flora und Faune entspricht.
Leider hat dies zum Nebeneffekt, dass die durchaus interessante Innendynamik der Gruppe etwas in den Hintergrund rückt, weil der Kontrast zwischen den normalen Touristen und der feindlichen Außenwelt einfach deutlich spektakulärer ist. Aber man kann nicht alles haben.
So oder so, von meiner Seite aus Schauempfehlung, auch wenn, wie eben beschrieben, nicht alles super-duper ist. Aber wo ist es das schon? Außerdem, Mad Dogs gibt es bei Amazon gratis für prime-Kunden.

Links aus dem Artikel:
Mad Dogs
The Man in the High Castle
Ben Chaplin
Michael Imperioli
Romany Malco
Steve Zahn
Billy Zane
Ted Levine
Stockholm-Syndrom

50 % von zehn Büchern, die man gelesen haben sollte

Den Müll nicht richtig getrennt, schon kommt die Polizei. Darum geht es bei Dostojewski ungefähr.
Den Müll nicht richtig getrennt, schon kommt die Polizei. Darum geht es bei Dostojewski ungefähr.

Fjodor Dostojewski, Преступление и наказание, Verbrechen und Strafe / Schuld und Sühne / Raskolnikow, veröffentlicht 1866

Dieses Buch sollte man mal gelesen haben, weil es eigentlich immer cool ist, über russische Literatur reden zu können. Und dabei ist das gar nicht schwer, Dostojewskis Erstlingswerk liest sich einfach und recht flink und macht – Interesse vorausgesetzt – sogar Spaß. Zwar ist das setting antiquiert und recht fremd, es spielt Mitte des 19. Jahrhunderts in Sankt Petersburg, das Grundmotiv hat aber noch immer eine ziemliche Relevanz. Das Konzept, dass die Gesellschaft einem definierten Verbrechen mit einer Strafe begegnet, ist ja noch immer unser kindlich-simpler Grundsatz. Am Buch nervt unter Umständen die übertriebene Symbolik und das zwar nicht richtig ausgesprochene aber doch deutlich spürbare religiöse Konversionsfazit.
Die verwirrend vielen deutschen Titel liegen daran, dass sich Преступление и наказание offenbar nicht so recht übertragen lässt, ich finde aber anhand des Inhalts des Buches “Verbrechen und Strafe” am passendsten.

Die Quelle beinahe sämtlicher Artikelinspiration, die Vorschlagsbox unten rechts, schlug vor, dass wir etwas zu 10 Büchern schreiben sollten, die man in seinem Leben gelesen haben sollte. Die Fragestellung klingt zwar sehr einschlägig, aber gibt es sowas überhaupt? Zehn Bücher, die wirklich jeder lesen sollte?
Eigentlich nicht, schließlich kommt man ja sogar durch das Leben, ganz ohne irgend ein Buch gelesen zu haben. Aber das wäre ja kein schöner Inhalt für einen Artikel, einfach nur “Gibt es nicht.” zu posten.

Das moderne Businesshotel ist ein guter Ort, um über die Sinnhaftigkeit des Daseins zu grübeln.
Das moderne Businesshotel ist ein guter Ort, um über die Sinnhaftigkeit des Daseins zu grübeln.

Jean-Paul Sartre, La nausée, Der Ekel, veröffentlicht 1938

Dieses Buch sollte man gelesen haben, weil Existentialismus der kleinste gemeinsame Nenner für uns alle ist. Ich mag das Buch etwas überhöhen, weil es, mit 14 oder 15 Jahren gelesen, der perfekte Untertitel für mein pubertierendes Wesen war. Es gibt keinen besseren Begeiter für den mittelschichtigen Teenager, der zornig auf einer Treppe der Fußgängerzone sitzt, als französische Zigaretten und die knallrote Ausgabe von Sartres Frühwerk.
Die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz sollte jeder von Zeit zu Zeit überdenken, dabei hilft dieses Buch.

Wir haben die zehn Bücher untereinander aufgeteilt, also muss ich mich nur auf fünf festlegen.
Für Inspiration habe ich bei mehreren mir irgendwie bekannten Personen nachgefragt, ob es so etwas gäbe, fünf Bücher, die man gelesen haben muss. Und wenig überraschend, die meisten antworteten intuitiv mit “Die Bibel!”. Das halte ich für Quatsch. Christlich-abendländische Prägung in allen Ehren, aber wenn bei weit über 50 % Christianisierungsquote in Deutschland nur 13 % die Bedienungsanleitung dazu lesen, sollte das keine Allgemeinempfehlung sein. Allein schon, weil sich die Bibel nicht eben mal so liest, viel zu fremd ist der Stil. Ist halt ein sehr altes Buch, egal ob altes oder neues Testament.

Als No Logo auf den Bestsellerlisten war, konnte man T-Shirts mit No Logo!-Logo darauf kaufen.
Als No Logo auf den Bestsellerlisten war, konnte man T-Shirts mit No Logo!-Logo darauf kaufen.

Naomi Klein, No Logo!, No Logo! – der Kampf der Global Players um Marktmacht – ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, veröffentlicht 2000

Dieses Buch sollte man gelesen haben, um auf “Wir wissen ja gar nicht, woher die Sachen kommen, die wir kaufen” mit “Doch.” antworten zu können. Außerdem wollte ich auch etwas non-Belletristik auf der Liste haben, um ausgeglichener zu wirken. Der Aufbau des Buchs wirkt etwas inkohärent, es liest sich aber ausgesprochen flüssig und schnell.
No Logo enthält viel Stoff für den werdenden Globalisierungsgegner, ironischerweise ist es in einem Verlag erschienen, der zur Bertelsmann gehört.
No Logo ist auch ein tolles Beispiel dafür, wie widerlich es endet, wenn sich deutsche Verlage bei der Übersetzung auch gleich mal einen schmissigen Titel für das Germanenvolk ausdenken. Volk der Dichter und Denker, my ass.

Überhaupt habe ich allzu alte Bücher verworfen, als Generalempfehlung herzuhalten. Ich finde, wenn man schon kämpfen muss, sich den Inhalt überhaupt zu erschließen, braucht es sicher mehrere Versuche, um das entsprechende Buch schätzen zu können. Deswegen haben es einige Superstars im Cocktailparty small talk nicht auf meine Liste geschafft, keine Bibel, kein Shakespeare, kein Sun Tsu, keine göttliche Komödie, kein verlorenes Paradies, keine Ilias. Ich habe mich da zwar überall mal versucht, durchzukämpfen, aber das will ich echt niemanden empfehlen. Nach wochenlangem Gewürge durch die Gesänge der Ilias war mein Fazit nur, dass die coolen Geschichten des Trojanischen Krieges vor oder nach dem Buch passiert sein müssen, ich wartete bis zur letzten Seite auf das Pferd. Das soll nicht heißen, dass das Buch nicht lesenswert und relevant sei, ganz im Gegenteil, aber in meine persönliche Top 5 ist es nicht geraten.

Bei 1984 denken immer alle nur an Überwachung,  die zahlreichen fantasiebenannten Behörden kommen mir in alltäglichen Referenzen zu kurz.
Bei 1984 denken immer alle nur an Überwachung, die zahlreichen fantasiebenannten Behörden kommen mir in alltäglichen Referenzen zu kurz.

George Orwell, Nineteen Eighty-Four, 1984 / Neunzehnhundertvierundachtzig, veröffentlicht 1949

Dieses Buch sollte man gelesen haben, um die ständigen aktuellen Referenzen nachvollziehen zu können. Videoüberwachung vor dem Kaufhof? 1984-Verhältnisse! NSA liest Emails? 1984-Verhältnisse! Interpretierbare Fakten in einem Geschichtsbuch? 1984-Verhältnisse!
Ich glaube, dass die 1984-Rufer oft gar nicht speziell dieses Buch meinen, sondern es exemplarisch für die Vielzahl von dystopischen Zukunftsvisionen nennen. Animal Farm, Brave New Word, Fahrenheit 451; all das sind lesenswerte Bücher, 1984 ist aber das Aushängeschild. Und das durchaus zu recht, von den genannten ist George Orwells Roman von 1949 mein Favorit der hoffnungslosen Zukunftsvisionen.

Unter dem Strich ist meine Liste recht wahllos geworden, ich habe mehr oder weniger fünf Bücher herausgesucht, die ich sowohl allgemein lesenswert, als auch relevant finde. Für besonders gute Bücher halte ich nicht alle, aber literarische Qualität ist für mich kein K.O.-Kriterium bei einer Empfehlung. In der Tat sind es alles auch keine ausgesprochenen Lieblingsbücher von mir, aber die Aufgabenstellung beschrieb ja Bücher, die man gelesen haben sollte, nicht Bücher, die mir gut gefallen. Das wäre ein ganz anderer – und gegebenenfalls recht eintöniger Artikel.
Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr so recht, warum es genau diese fünf geworden sind, seit dem Losschreiben sind mir fünf weitere eingefallen, die eigentlich noch lesenswerter sind. Das finde ich allerdings tröstlich, es gibt eigentlich immer noch fünf weitere Bücher, die man gelesen haben sollte.

Je länger man liest, desto schlimmer und gruseliger stellt man sich das Anwesen in Sturmhöhe vor.
Je länger man liest, desto schlimmer und gruseliger stellt man sich das Anwesen in Sturmhöhe vor.

Emily Brontë, Wuthering Heights, Sturmhöhe, veröffentlicht 1847

Dieses Buch sollte man gelesen haben, weil jeder wissen sollte, welche der Brontë-Schwestern besser ist. Im direkten Vergleich der jeweils populärsten Werke, Wuthering Heights und Jane Eyre, gewinnt Emilys Sturmhöhe bei mir. Mir gefallen die doppelte Erzählerperspektive und die Generationen überspannende Handlung, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie verstörend schonungslos das Buch beim Erscheinen 1847 gewirkt haben muss. Die Erzähltechnik wirkt viel moderner als bei anderen Büchern des 19. Jahrhunderts, ganz anders als bei den tediös realistischen Gesellschaftsromanen, die so einschlägig für das britische 19. Jahrhundert sind. So recht gibt es in Wuthering Heights keine sympathischen Personen, keine Hauptheldin, was den Verlauf des Buchs so trostlos wie das darin beschriebene Wetter macht.
Übrigens, wahrscheinlich war dies das erste Mal, dass ich ein ë getippt habe. Und dann gleich drei mal!

Links aus dem Artikel:
Religionsverteilung in Deutschland
Anteil Bibelleser
Leidenschaftliche Beschreibung der Ilias (Video, Englisch, 14 Minuten)

Wikipedia zu:
Verbrechen und Strafe
Der Ekel
No Logo!
1984
Sturmhöhe

88. Oscarverleihung

Was ich in der Berichterstattung über die Oscarverleihung nie wieder lesen möchte: "Unser Mann in Hollywood"
Was ich bei der Berichterstattung über die Oscarverleihung nie wieder lesen möchte:
„Unser Mann in Hollywood“

Ich bin schockiert, dass offenbar noch keiner auf das mittelmäßige Wortspiel kam, aus dem Slogan der diesjährigen Verleihung “We all dream in gold” ein “We all dream in white” zu machen.
Diese Zeilen werden veröffentlicht, während die 88. Oscarverleihung gerade läuft, ich schreibe das also, bevor wir wissen, wer was gewonnen hat. Allerdings können wir sicher sein, und das war auch das große Thema im Vorfeld des Events, der Oscar für den besten Hauptdarsteller wird an einen weißen Mann gehen. Beste Hauptdarstellerin? Weiße Frau. Passend wird als beste Nebendarstellerin eine weiße Frau ausgezeichnet werden. Keine Überraschung beim besten Nebendarsteller, weißer Mann, gegebenenfalls sogar Sylvester Stallone, was ich neben aller Rassismusdiskussion sehr verstörend fände.
Der beste Film wird generell sehr weiß sein, soll vor allem heißen, dass es Straight Outta Compton nicht sein wird. Immerhin werden dessen vier weiße Drehbuchschreiber eine Chance auf das beste Originaldrehbuch haben.
Die größte Abwechslung gibt es bei der besten Regie, einer der fünf nominierten Regisseure ist aus Mexiko. Immerhin wird keine Frau gewinnen, das relativiert die Diversität doch ein wenig.

"Stars und Sternchen"
„Stars und Sternchen“

Die Farblosigkeit der Nominierungen wurde intensiv diskutiert. Viel mehr als die gewöhnlichen Prognosen, war effektive Ausschluss von schwarzen Schauspielern das Thema der Berichterstattung. Und wie zu erwarten, ist dies ein polarisierenden Thema mit sehr verschiedenen Meinungen. Schnell gab es die unvermeidlichen Statistiken, die zeigen, wie hoch der Anteil von schwarzen, asiatischen, lateinamerikanischen Leuten an der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung ist, und den Ansatz, diese Quote auf die Oscarnominierungen umzulegen. Diese Strategie provoziert natürlich eine Gegenargumentation, dass man dann ja gleich passend zur Quote die Auszeichnungen herschenken könne, dass es dann auf die jeweilige Leistung gar nicht ankäme. Was natürlich in den USA, wo competitiveness ja quasi teil der gemeinschaftlichen DNA ist, selbst den dort Linkesten suspekt vorkommt.

"Leonardo DiCaprio&quot:
„Leonardo DiCaprio hat wieder nicht gewonnen“

Mit so einer schwarz-weißen Sichtweise kommt man ja zu nichts, daher differenzierter.
Der Oscar geht ja weder an den erfolgreichsten Film eines Kinojahres, noch an einen von den Kritiken als den besten Film eingeschätzten Film, sondern an den Film, der einer Jury von knapp 6000 Personen am besten gefallen hat. Oder von dessen Produzenten sich die Mehrheit der 6000 Personen hat bestechen lassen, aber das ist ein anderes Thema.
Die jurierenden 6000 sind Clubmitglieder, die hauptberuflich irgendwie beim Film arbeiten. Vor allem Schauspieler, aber auch Kameraleute, Beleuchtung, Ton, Make Up und so weiter. Diese 6000 sind nicht veröffentlicht, aber nach einer 2012er Statistik sind 94 % davon weiß, 77 % sind Männer, da liegt die Schlussfolgerung nah, dass eine Gruppe von weißen Männern natürlich nur weiße Männer für begehrte Preise auswählt. Oder notgedrungen auch weiße Frauen, wenn die Kategorien “Beste Haupt- und Nebendarstellerin” es erforderlich machen. Immerhin, bei den “kleinen” Kategorien wie Kostüm und Make Up sind Frauen offenbar auch wählbar.
Und genau an der Stelle soll jetzt die Lösung für die unausgeglichen weiße Auswahl der Nominierungen angesetzt werden – die Jury soll diverser zusammengestellt werden, mit mehr Frauen, Schwarzen, Latinos und Asiaten. So soll sichergestellt werden, dass die Quotierung der auswählenden Personen eine Entsprechung des Kinopublikums ist.

Ich bin mir aber gar nicht sicher, dass das viel ändern sollte. Ich finde die Unterstellung, dass ein weißer Juror ausschließlich weiße Männer in Filmen gut findet, und dass sich auch das Kinopublikum nur mit der eigenen Rasse und dem eigenen Geschlecht zurechtfindet, klingt einleuchtend – aber ist meiner Meinung nach nicht zutreffend.
Hinter zehn Filmen, die irgendwie menschliche Antagonisten haben, ist Shrek 2 der finanziell elfterfolgreichste Film aller Zeiten in den USA. Ich wage zu bezweifeln, dass viele Oger die Einnahmen an den Kinokassen klingeln ließen. Also scheint es doch die menschliche Fähigkeit zu geben, einen Film gut zu finden, obwohl der Hauptdarsteller nicht der eigenen Rasse und dem eigenen Geschlecht entspricht. Wenn sich Millionen von Kinogängern mit einer grünen, computeranimierten Figur identifizieren können, warum dann nicht mit einem Menschen mit anderer Hautfarbe?

Ob es also hilft, als Maßnahme die Jury heterogener zu besetzen, mit dem Ziel, dass die Demographie des Auswahlkomitees der der gesamten Kinogänger in den USA entspricht?
Ich hoffe eigentlich, dass diese Maßnahme nichts bringt. Ein Erfolg würde ja nur bestätigen, dass selbst professionelle Filmschaffende nur das gut finden, was zu ihrem Geschlecht, Ihrer Hautfarbe und Herkunft passt – und das fände ich ziemlich peinlich. Und außerdem ist das natürlich ein sehr nationaler Ansatz, der internationale Kinogänger wäre dann ja im Umkehrschluss egal.
Überhaupt wäre es doch merkwürdig, wenn die Oscar-Jury farbenfroh besetzt würde, während die überragende Mehrheit der in Hollywood produzierten Filme doch schneeweiß daherkommt.

"Auf dem roten Teppich" Übrigens, Fotos haben nichts mit dem Thema zu tun, bitte nicht nach Sinn suchen.
„Auf dem roten Teppich“
Übrigens, Fotos haben nichts mit dem Thema zu tun, bitte nicht nach Sinn suchen.

Neben Straight Outta Compton war Beasts of No Nation mit Idris Elba in Nebenrolle der Film, dessen Fehlen bei den Nominierungen kritisiert wurde. Neben der ausschließlich schwarzen Besetzung, die inkompatibel zur Juryzusammensetzung sein soll, bleibt mir unklar, ob der Film überhaupt bei der Oscarauswahl berücksichtigt werden könnte. Die Regeln dafür erscheinen mir relativ komplex, ein Film muss soundsolang in den amerikanischen Kinos gelaufen sein, um nominiert werden zu dürfen. Beasts of No Nation kam nur sehr eingeschränkt in den Kinos, dafür kam er gleichzeitig auf Netflix raus. Ich finde die Frage interessant, ob Filme, deren Verleih von streaming services wie Netflix übernommen werden, für den Oscar berücksichtigt werden dürfen. Denn ist das derzeit vor allem ein Modell für Serien, aber zukünftig wird es sicher zunehmend Filme geben, die trotz Onlinepremiere qualitativ gut genug sind, um der bis dann farbenfrohen Jury gut genug zu gefallen, um eine Nominierung zu bekommen.
Bis dahin kann sich dann ohnehin keiner mehr über irgendwelche rassistisch motivierten Entscheidungen beschweren, schließlich durfte uns Chris Rock ja schon mehrfach bei der Verleihungszeremonie unterhalten. Diese Begründung gab es allerdings vor 50 Jahren auch schon.

Links aus dem Artikel nochmal zum weiterlesen:
Statistik zum Thema Film und Rasse
Zusammensetzung der Jury 2012
Finanziell erfolgreichste Filme aller Zeiten
Hollywood whitewashing
Entertainment vor 50 Jahren

World Press Photo of the Year 2015

Was stell ich denn für Fotos zu diesem Thema ein? Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, meine Bilder hätten etwas mit dem World Press Photo zu tun.
Was stell ich denn für Fotos zu diesem Thema ein? Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, meine Bilder hätten etwas mit dem World Press Photo zu tun.

Für mich ist die Bekanntgabe des World Press Photo of the Year immer eine große Sache, und endlich ist wieder ein Jahr herum – seit 18. Februar wissen wir, was das Weltpressefoto des Jahres 2015 ist.
Für diejenigen, die zu bequem sind, dem Link oben zu folgen: World Press Photo ist eine gemeinnützige Stiftung, die seit 1955 das Weltpressefoto des Jahres durch eine Jury auswählt und auszeichnet. Diese Dekorierung gilt als höchste Würdigung im Fotojournalismus, die Liste enthält so gut wie alle Reportagefotografien, die sich in unser kollektives Gedächtnis der letzten 60 Jahre eingebrannt haben.
Neben meinem Interesse am Thema Fotojournalismus, dem ich sicher noch einen eigenen Artikel widmen werde ist die fast ununterbrochene Kontinuität noch mehr als bei den schon mehrfach angesprochenen James-Bond-Filmen eine Gelegenheit, Zeitgeist und gesellschaftliches Interesse am Verlauf der Weltpressefotos der jeweiligen Jahre abzulesen. Und dies sowohl bezogen auf die Sujets der ausgezeichneten Bilder, als auch auf den stilistischen Wandel im Laufe der Zeit. Und gerade das zweite ist ein großes Thema der letzten Jahre gewesen.

Mein Lösung: Pressefotos sind Bilder als Ergänzung des geschriebenen, um mich davon abzugrenzen, nehme ich Bilder von Geschriebenem.
Mein Lösung: Pressefotos sind Bilder als Ergänzung des Geschriebenen, um mich davon abzugrenzen, nehme ich Bilder von Geschriebenem.

Während das Dauerdiskussionsthema bei Reportagefotografien für gewöhnlich die Ethik des Themas war, explodierte nach der Auswahl des Photo of the Year 2012 eine sich schon lange anbahnende Auseinandersetzung zu der Frage, wann ein Foto noch ein Foto ist. Das Anfang 2013 für das Vorjahr ausgezeichnete Foto ist einem Maße nachbearbeitet, dass es fast schon einem Gemälde gleicht – und die Überlegung provoziert, was es ist, das Fotojournalismus ausmacht. Geht es um eine gutes Foto oder um eine wahrheitsgetreue Dokumentation? Kann ein ein Bild – das so lange in Photoshop editiert wurde, dass es überall perfekt ausgeleuchtet ist, dass alle Personen perfekten Teint haben, dass alles im Bild aussieht, als sei es inszeniert – überhaupt als Reportagefotografie dienen oder ist dies per se mehr Kunst als Journalismus? Kann es Fotojournalismus überhaupt in Photoshop und CGI noch geben? Romantisieren wir die Vergangenheit, in der wir alle Pressefotografen zu Heroen stilisieren, die in Lebensgefahr durch Kugelhagel robbten, um mit einem in seiner Imperfektion perfekten Bild unsere Aufmerksamkeit auf ein unangenehmes Thema zu lenken? Und auch stilistisch, soll ein Foto aus einem Krisengebiet überhaupt so gut aussehen?

"Jeder Star, Ich jetzt" wäre ein guter Name für ein medienkritisches Buch.  Keine Ahnung, was auf der vollständigen Werbung stand.
„Jeder Star, Ich jetzt“ wäre ein guter Name für ein medienkritisches Buch. Keine Ahnung, was auf der vollständigen Werbung stand.

Die letzte der Fragen kann jeder ja für sich selbst beantworten. Mir selbst gefallen überschärfte, super ausgeleuchtete, sauber aussehende Fotos generell nicht gut – und gerade im Zusammenhang mit einer Berichterstattung aus einem Unruhegebiet halte ich das stilistisch für nicht passend. Aber das ist halt Geschmackssache, ich mag auch kein HDR mit allen Reglern auf 11, die Sehgewohnheiten der Allgemeinheit scheinen da zu differieren, sonst wäre Trey Ratcliff nicht so erfolgreich.
Es ist sicher eine normale Entwicklung, durch die Durchsetzung der digitalen Bildbearbeitung und deren Weiterentwicklung bieten sich plötzlich neue Möglichkeiten, die es vorher noch nicht gab. Und es wäre ja blöd, diese nicht zu benutzen. Und klar, neue looks reizen und prägen die Sehgewohnheiten, und so bewertet das Publikum dann auch ein Foto nach seiner Schärfe, Farbenfreude und Perfektion, weil dies die sich entwickelnden Trends der letzten Jahre waren. Aber wie bei jedem Trend folgt ein Gegentrend. Jetzt, da jeder mit einer billigen Kamera und ein bisschen Bildbearbeitung ein better-than-real-life-Bild zusammenbauen kann, floriert eine Gegenkultur, die das ruppige, unschärfe und körnige Foto der Vergangenheit verehrt. Daher wäre meine Einschätzung, dass ganz von allein Fotos wie das unrühmliche Gemälde von Paul Hansen aus dem Wettbewerb verschwinden würden, ganz ohne Gegenmaßnahmen, weil sich die Jury an zu hübschen Fotos sattgesehen hat.

Ich finde, das "cheap" ist ein wenig zurückhaltend in der Reihung.
Ich finde, das „cheap“ ist ein wenig zurückhaltend in der Reihung.

Nach dem Aufschrei über das zu perfekte Foto des Jahres 2012 gab es dann letztes Jahr noch elementarere Probleme beim Weltpressefotowettbewerb, da eine hohe Anzahl von Teilnehmern – unter anderem auch der Gewinner einer Kategorie disqualifiziert wurden, weil die Bilder so weit editiert waren, dass sie als nicht mehr wahrheitsgetreu qualifiziert wurden. Und das natürlich war ein Problem, was jedem nachvollziehbar war. Und recht schnell wurde auch da das allmächtige Photoshop als Ursache festgelegt. Das editieren von Bildern, um etwas anderes als die Realität darzustellen, nennt man ja schließlich sogar photoshoppen…
Aber das finde ich zu kurz gegriffen, schließlich gab es auch in analogen Zeiten Bildbearbeitung. Und das nicht zu knapp. Wenn man sich die Zwischenarbeitsschritte berühmter Bilder etablierter Fotografinnen und Fotografen ansieht, fällt auf, dass das aufgenommene Negativ nur der Anfang für die Arbeit am gewünschten Bild war. Und festzulegen, wann eine Bildbearbeitung nur dient, damit das Bild besser aussieht, und ab welchem Zeitpunkt das Bild durch das Editieren einen anderen Inhalt bekommt, ist schwierig bis unmöglich.
Selbst die berühmten Bilder des Gottes der ungestellten Fotografie, Henri Cartier-Bresson, sind so beschnitten und bewedelt worden, dass sie gefielen und stellen trotz ihrer unscharfen-grobkörnigen Spontanität genauso das Ergebnis von gezielter Bearbeitung dar, wie das Gazastreifengemälde von 2012.
Aber passend zu dieser Diskussion des letzten Jahres kam dann die Trendwende im echten Leben, als mit Reuters eine der richtig großen Nachrichtenagenturen die Regeln für ihren Anspruch an Fotografien änderte.
Auch hier ein paar erklärende Vorworte die nonaficionados: Als Fotografienoob nimmt man – verkürzt dargestellt – seine Bilder als jpeg auf. Das ist dann eine handliche, anschaubare Bilddatei, die man ganz toll bei Facebook hochladen oder bei der Familie auf dem neuen Fernseher zeigen kann. Im Gegensatz dazu, als Profifotograf speichert man seine Fotos als raw. Das sind die aufgenommenen Rohdaten, die kann man zwar nicht so einfach anschauen, dafür lassen sie extrem viele Möglichkeiten für die Nachbearbeitung. Und da Nachbearbeitung in digital wie auch schon zuvor in analog ein Großteil des Fotos ausmacht, ist raw das dedizierte Profiformat.
Und genau das wollte Reuters nicht mehr. Freischaffende Fotojournalisten dürfen jetzt ihre Bilder nur noch in der Form von als jpegs aufgenommenen Dateien abgeben. Das heißt, die Profis müssen aufnehmen, wie der oben beschriebene Fotografienoob. Reuters verspricht sich davon, dass die Bearbeitungszeit zwischen Aufnahme und Veröffentlichung deutlich kürzer ausfällt – und dass die weniger bearbeiteten Fotos mehr Kredibilität haben.

Das Geschäft dazu war schon lange geschlossen. Ich wüsste gar nicht, wo ich heute Därme kaufen  könnte, wenn ich welche bräuchte.
Das Geschäft dazu war schon lange geschlossen. Ich wüsste gar nicht, wo ich heute Därme kaufen könnte, wenn ich welche bräuchte.

Als diese Dinge zielen in die gleiche Richtung, Pressefotografie soll wahrheitsgetreuer, weniger hochglänzend, näher an den jetzt idealisierten Gegebenheiten vergangener Tage sein. Und diese Bewegung kulminiert in der Auswahl des World Press Photos 2015. Der jetzt gekürte Gewinnerbeitrag von Warren Richardson zur Flüchtlingskrise ist ein unscharfes, grobkörniges, nachts aufgenommenes Foto, was wie der pixelgewordene Wunsch nach mehr Glaubwürdigkeit, Nähe und Realismus aussieht. Damit sollten die Diskussionen der letzten Jahre verstummen, denn dieses Bild sollte alle kritischen Stimmen verstummen lassen.
Schade nur, dass man gar nicht mehr so richtig auf den Inhalt des Bildes achtet, während man schaut, ob das Bild in angemessenen Maße nachgearbeitet wurde…

Menstruationsbeschwerden

Wie Bienen und Blüten ein angemessener Erklärungsversuch sein sollten, konnte ich nie nachvollziehen.
Wie Bienen und Blüten ein angemessener Erklärungsversuch sein sollten, konnte ich nie nachvollziehen.

Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass Personen, die so viel jünger als ich sind, dass sie in den frühen Neunzigern noch keine Fernsehwerbungen sahen, nichts mit diesem Zitat anfangen können und mich stattdessen verstört anschauen, wenn ich darauf hinweise, dass irgendetwas eine Geschichte voller Missverständnisse ist. Spätestens, wenn ich ein erläuterndes “Ich meine die O.B.-Werbung” hinterherwerfe, lande ich auf der “creepy old guy”-Liste.
Glücklicherweise gibt es das Weltkulturerbe Youtube, um diese Wissensdefizite zu kompensieren.

Wie ironisch, dass gerade eine Tamponwerbung Menstruationsmissverständnisse annörgelte, wo doch eben jene Werbespots neben altertümlicher Literatur und den Ausführungen von Enrico Lange auf dem Schulhof der siebten Klasse größter Grund für Missverständnisse war. Für mich jedenfalls.
Denn die Annahme, dass menstruierende Frauen vor allem in hellen Sachen herumhüpfen oder diversen dekorativen Outdooraktivitäten nachgehen, so wie ich es häufig im Fernsehen sah, fand ich bisher im echten Leben noch unbestätigt. Auch die diskrete Menge blauer Flüssigkeit, die dem Anschein nach in der Hand abgegeben wird…
Stopp! Zu “Tamponwerbung ist doof” gibt es ausreichend Artikel im Internet. Das brauche ich nicht zu schreiben.

Gegebenenfalls hat dieses Bild etwas mit dem Thema des Artikels zu tun.
Gegebenenfalls hat dieses Bild etwas mit dem Thema des Artikels zu tun.

Da ich mich als Freund der übertriebenen Kritik von einem Thema mit “…beschwerden” trotzdem angezogen fühle, schreibe ich mal ganz unabhängig von bereits bestehender Tamponwerbungskritik weiter. Und da ich mich ja so gern in meinem eigenen Herumgemosere wälze, kommen erstmal meine Beschwerden.
Als “Menstruationsbeschwerden” als Themenwunsch in die nagelneue Wunschbox fand, ging ich davon aus, dass es mindestens halb als Scherzvorschlag gedacht war. Da ich quasi live bei der Vorschlagsidee dabei war, bin ich sogar ziemlich sicher, dass der Vorschlag von einem herausfordernden Lachen begleitet wurde, als er eingetippt wurde. Denn die Vorstellung ist natürlich witzig, wir würden über Menstruationsbeschwerden schreiben. Aber warum eigentlich?

Vielleicht ist die Vorstellung eines Beitrags zum Thema skurril, weil alles zum Thema Menstruation ein Nicht-Thema ist. Genau so schwer, wie sich die Produktionsfirma der O.B.-Werbung tut, die Periode anders als unfreiwillig komisch darzustellen, tun sich ja eigentlich alle Medien. Es gibt entweder die Entscheidung, dass man darüber nicht spricht, oder die offensive Taktik, stets begleitend darauf hinzuweisen, dass man trotz des Tabus darüber spricht. Mir gefällt beides nicht sonderlich. Beim stetigen Hinweis auf das Tabu, was man gerade bricht, manifestiert sich dieses weiter – allerdings mache ich ja gerade auch nichts anderes.
Zum Themenkomplex “Tabu Monatsblutung” gibt es ja mittlerweile erfrischend viele Untersuchungen und Erklärungsansätze. Da ich mich nicht für eine entscheiden will, hier drei gängige Versionen, bitte kreuzt die für Euch am sinnvollsten klingende Variante an:

  • Das Tabu ist ein Tabu, weil das männliche Meinungs- und Medienmonopol den weiblichen Körper und dessen exklusive Funktionen als suspekt empfindet, und seinen Berührungsängsten mit dem Thema nachgibt. So mischt sich Nichtkenntnis mit Furcht vor der Andersartigkeit und wir hören nichts mehr von Menstruation. Zwar sind gibt es mittlerweile einen Anteil von durch Frauen gesteuerte Medien, die schon lange bestehende Tabuisierung besteht allerdings weiter.
  • Das Tabu ist ein Tabu, weil wir, Männer wie Frauen, Blut in fast allen Fällen mit etwas negativem assoziieren. Verletzungen, Wunden, Unfälle, alles Vorkommnisse, die wir nicht mit einem hochgereckten Daumen in unserem Leben begrüßen. Und diese Abneigung zu negativen, blutbasierten Events projizieren wir auf die monatliche Blutung.
  • Das Tabu ist ein Tabu, weil wir alle bewusst oder unbewusst durch irgendeine monotheistische Religion geprägt sind. Und monotheistischen Religionen ist inhärent, dass es zwei verschiedene Varianten der AGBen gibt. Eine lockere Variante, die für Männer gilt, sowie die strenge Variante für die Damen. Und so kommt es auch, dass wir alle schon ab der Früherziehung unserer Kinder zwei konträre Moralvorstellungen haben. Kleine Jungen dürfen unbehelligt mit ihren Geschlechtsorganen, denen wir viele Spitznamen geben, herumspielen, während wir versuchen, kleinen Mädchen die Information vorzuenthalten, dass sie überhaupt ein Geschlecht haben. Dieser zweigeteilte Umgang zieht sich dann bis ins Erwachsenenalter weiter.
Der weibliche Körper. Ein detailliertes und akkurates Schaubild.
Der weibliche Körper. Ein detailliertes und akkurates Schaubild.

Während der Recherche für den Beitrag – und mit Recherche meine ich das Gelegentliche Lesen von Blogposts auf meinem Telefon – fühlte ich mich häufig, als würde ich durch die Unterlagen eines Vereins rascheln, dessen Mitglied ich nicht bin. Und ich mag keine Vereine, deswegen störte ich mich daran. Wie hieß es schon in “Skulls”, dem 2000er Flop, der ein gelungener Werbespot für den Rudersport war und mich bestärkte, dass Joshua Jackson in allen Rollen “Pacey” heißen sollte: “If it’s secret and elite, it can’t be good.”.
Sehr häufig sind Artikel, Meinungen, Posts ausschließlich von Frauen an Frauen adressiert, was ja vollkommen OK ist, aber sicherlich der Normalisierung des Themas nicht voranhilft. Ich finde die Frau, die einen zornigen Beitrag zum Thema “männliche Zyklusignoranz” mit “Hallo Mädels” titelt genau so impertinent, wie ihren beschriebenen Partner, der “nur wissen will, wann es nicht geht”. Ihr habt einander verdient. Leider finde ich den Post nicht mehr zum Verlinken, ein Nachteil meiner fluiden Recherchemethodik.
Auch gibt es verhältnismäßig wenig von Männern geschriebenes zum Thema Menstruation. Vermutlich, weil es keine eigenen Erfahrungen dazu gibt, aber das stört bei anderen Themen ja auch nicht. Ich kann auch halbstundenlang über die Auswirkungen der Sauerstoffarmut am Mount Everest auf den menschlichen Körper referieren, während ich in der Rheintiefebene sitze. Ist ja keine Raketentechnik. Und selbst über Raketentechnik kann man schreiben, ohne Wernher von Braun zu sein.

Das Nagelstudio, existiert auch weitgehend ohne männliches Wissen darüber.
Das Nagelstudio, existiert auch weitgehend ohne männliches Wissen darüber.

Jetzt habe ich fast den ganzen Artikel damit verplempert, zu ergründen, warum das Thema ein komisches und / oder schwieriges ist. Ich sollte langsam zum Thema Menstruationsbeschwerden selbst kommen, bevor alle eingeschlafen sind.
Schon das Wort finde ich nicht passend für den schmerzenden Aspekt des Themas. Also den zweiten Teil des Wortes, “Beschwerden” klingt so nebensächlich. Wenn ich Rückenbeschwerden habe, ist es ein bisschen unangenehm, wenn es mehr ist, habe ich Rückenschmerzen. Und nach meiner, zugegebenermaßen second hand-Erfahrung, lassen sich die als Beschwerde betitelten Krämpfe häufig auf der rechten Hälfte der Schmerzskala einordnen.
Im Gegensatz zu den vor kurzem beschriebenen Linkshändern gibt es zum Thema Regelschmerzen nur sehr wenige und oft sehr fragwürdige Statistiken.
Kostprobe? Bei 45 % bis 95 % aller Frauen treten Regelschmerzen auf. Ich frage mich, wie sich so eine Streuung bei einer Befragung ergeben kann.
12 % der 500 Frauen, 1963 befragt wurden, litten unter starken Regelschmerzen. Genau. Nur 500 Befragte. Vor über 50 Jahren. Und das sind die besseren Suchtreffer, immerhin gibt es dort eine Quelle für die Zahl, die meisten Angaben sind einfach so dahingeschrieben.
Immerhin scheinen all die nebulösen Zahlen in die gleiche Richtig zu deuten, ein Großteil aller Frauen leidet unter Regelschmerzen, aber nur ganz wenige versuchen, diesen medikamentös zu begegnen.

Mittlerweile habe ich schon meinen selbst vorgegebenen Rahmen von 1000 Wörtern satt gesprengt, und hab noch nicht mal mit den nicht-schmerzbezogenen Menstruationsbeschwerden wie Körpergefühl und Kleidungswahl, Sozialakzeptanz, Ausstattung öffentlicher Toiletten, … angefangen.
Ich muss aber ja auch was für den Doppelartikel von Horst aufheben. Von wegen Scherzthema.

Sinistralität

Eins der Bilder im Artikel ist gespiegelt und damit gar keine linke Hand. Genieß die Ungewissheit.
Eins der Bilder im Artikel ist gespiegelt und damit gar keine linke Hand. Genieß die Ungewissheit.

Alle, die nicht wissen, was der Titel dieses Artikel bedeutet, heben bitte die Hand.
Und jetzt bitte schauen, welche Hand oben ist. Wenn es die linke ist, Treffer, genau darum geht es in diesem Artikel. Linkshändigkeit.
Es ist schwierig, etwas über Sinstralität zu lesen, was keine mit Sätzen verbundene Statistik ist. Das meiste sind Aneinanderreihungen von Prozentwerten. Deswegen werde ich versuchen, auf Prozente vollkommen zu verzichten.
Um trotzdem eine ungefähre Vorstellung zu entwickeln, stell Dir einen Raum mit sieben Personen drin vor. Nach der optimistischsten Statistik ist einer davon ein Linkshänder. Auf der anderen Seite: Wenn diese Personen im Raum die letzten sieben US-Präsidenten sind, sind fünf davon Linkshänder. Das wirkt gar nicht verhältnismäßig.

Ich traf beim Studium eine junge Frau, die sich ganz eindeutig rechtshändig verhielt. Schrieb, kämmte, zeigte mit rechts. Allerdings, so erfuhr ich von ihr, war auch sie eine geborene Linkshänderin, die ihre Sinistraliät nicht auslebte, da sie von der Gesellschaft diskriminiert wurde.
Außerdem war sie eine wiedergeborene Hexe.
Nicht dass das was miteinander zu tun hat, aber Linkshändigkeitswunsch und Okkultes scheint kein unbeliebtes Kombomenü zu sein.

Diese linke Hand äußert ihre Meinung.
Diese linke Hand äußert ihre Meinung.

Selbst nach langem Überlegen fallen mir nur sehr wenige Linkshänder ein, die ich kannte oder kenne. Dafür habe ich eine lange Liste von Leuten, die eine Stunde am Stück davon reden können, dass sie ja eigentlich linkshändig zur Welt kamen, aber von der Gesellschaft zur Rechtshändigkeit gezwungen wurden. Meist schließt sich daran die Schlussfolgerung an, dass nur durch diese Umerziehung statt des nächsten Andy Warhol nur der nächste Sparkassenschalterangestellte aus einem geworden ist. Denn nach meiner Erfahrung ist dies das Stereotyp, Linkshänder sind kreativer.
Das dachte ich auch, und weil ich in meiner Kindheit das feste Ziel hatte, Künstler zu sein, “wenn ich mal groß bin”, gab es eine Phase in meinem Leben, in der ich versuchte, mich auf Linkshänder umzuerziehen, in der Hoffnung, dieser umgekehrte Weg würde zum Ergebnis haben, dass ich an Kreativität und an Erfolgswahrscheinlichkeit meines Berufsplans gewänne. Doch während mein komplettes Umfeld offenbar erfolgreich von links auf rechts korrigiert werden konnte, mir gelang das Gegenteil nicht. Während ich meine Geschicklichkeit mit rechts schon nur schmeichelhaft als ausreichend bezeichnen würde, mit links ging gar nichts. Und so war ich ein elfjähriger, dem häufig das Essen von der Gabel in der rechten Hand fiel, während das Messer in Linken bedrohlich auf den Tischnachbarn deutete. Glücklicherweise setzte bald danach die Pubertät ein und damit meine Beschäftigung mit meiner beruflichen Zukunft aus.
Immerhin könnte ich jetzt jammern, dass ich jetzt nur am metaphorischen Sparkassenschalter arbeiten muss, statt im weißblonden Toupet teure Bilder zu signieren, weil ich mich nicht zum Linkshänder umerziehen konnte. Denn in der Tat, nach all den Studien scheinen Linkshänder tendenziell anteilig eher in kreativen Berufen zu finden sein, als Rechthänder. Diese verdienen wiederum im Schnitt ein Zehntel mehr, was aber gegebenenfalls auch etwas über den finanziellen Ertrag kreativer Berufe aussagt.

Um zu überprüfen, ob meine Selbsteinschätzung, dass ich ohne Frage ein Rechshänder bin, auch wahr ist, gibt es natürlich Onlinetests. Interessanterweise gibt es diese Tests wohl nur auf Linkshänderseiten. In dem einen habe ich 1 / 4, im anderen 3 / 14 Punkten. Das heißt jeweils, dass ich ganz klar Rechtshänder bin, aber immerhin nicht der rechtshänderigste Rechtshänder, den man sich vorstellen kann. Nur so lässt sich auch erklären, dass ich überhaupt ausreichend Kreativität habe, diese Zeilen zu tippen, bevor ich morgen wieder an den Sparkassenschalter muss.

Offenbar hat sich der erste König von Juda post fight mit Links in den Schritt gefasst, um Goliat zu verhöhnen.
Offenbar hat sich der erste König von Juda post fight mit Links in den Schritt gefasst, um Goliat zu verhöhnen.

Neben der vermeintlich gesteigerten Kreativität gibt es ein paar unschöne Nebeneffekte, Linkshänder sind häufiger krank, neigen eher zum Alkoholismus und haben vergleichweise häufiger “mental issues”. Wobei ich denke, all diese Statistiken bedeuten ja nicht, dass Sinistralität dafür ursächlich ist. Wenn ich mit einer verkehrtherummen Schere schneiden müsste, würde ich mich ständig verletzten und wäre dann krank. Kameras, die für die falsche Hand gemacht sind, trieben mich vielleicht auch in den Alkoholismus. Im Auto den Schalthebel auf der falschen Seite zu finden – davon bekäme ich “mental issues”. Der letzte Punkt erklärt gegebenenfalls auch einige Eigenarten der Briten.

Andere Tests: Ich habe kein dominantes Auge, bei den Ohren ist das linke mein Lieblingsgehörorgan. An einer grün werdenden Fußgängerampel laufe ich meist mit dem linken Bein los. Bälle trete ich mit rechts.
Ich erkenne da kein Muster.

Selbsttest ergab: Touchpad mit Links kann ich. Maus nicht.
Selbsttest ergab: Touchpad mit Links kann ich. Maus nicht.

Also bleibt, entweder ist man kreativ-kränklicher Linkshänder oder ideenlos-besserverdienender Rechtshänder? Nein, es gibt noch die rare Kombination von beidem. Wenn in dem ganz oben beschriebenen Raum statt sieben ganze 100 Personen sind, dann ist einer davon beiderhändig begabt, ambidextrös. Schon das Wort Ambidextrosität klingt exotisch, auch die unvermeidlichen Statistiken zu diesem seltenen Fall lesen sich, als wäre es die Beschreibung einer fremdartigen Elfenrasse in einem Rollenspiel. Ambidextröse Personen haben häufiger sinnesübergreifende Wahrnehmungsfähigkeiten, sind deutlich häufiger bisexuell und neigen vermehrter zu emotionaler Instabilität. Treffen des Ambi-Clubs sind bestimmt eine ausgesprochen interessante Erfahrung.
Vermutlich sind Ambidextrosität und diese Eigenschaften weitgehend unbekannt, sonst gäbe es bestimmt viel mehr Leute, die davon berichten, dass sie umerzogene Ambis sind.

Der letzte Absatz war übrigens ausschließlich mit der linken Hand getippt. Also in meinem Fall mit dem linken Zeigefinger, was gerade mal die Hälfte meines üblichen Zwei-Finger-Systems ist. Dabei kam es mit allerdings so vor, als ob die Mehrzahl der häufig benötigten Buchstaben eher links auf der Tastatur zu finden sind, auch da gibt es sicher eine Statistik zu.
Nach dem Lesen all dieser Statistiken freue ich mich, dass offenbar an ausreichend Universitäten noch genügend Budget übrig ist, um grünes Licht für eine weitere Studie wie “Können Linkshänder besser jonglieren?” zu geben.
Ich glaube, das ist auch ein Fazit meiner Beschäftigung mit dem Thema Sinistralität – Bei so vielen Studien, Statistiken und „surprising facts!“-Klickstrecken, wie es über das Thema gibt, muss bestimmt jeder Linkshänder schon mal ein so einer Untersuchung teilgenommen haben. Dahingehend ist es gut, dass mein Selbstkonvertierungsversuch nicht von Erfolg gekrönt war, auf die Teilnahme an sowas hab ich nämlich gar keine Lust. Dann lieber morgen am Sparkassenschalter stehen und der verpassten Künstlerkarriere nachweinen.

Spectre

Diesmal gibt es Tourifotos aus London mit Bond-Trivia, yay!
Diesmal gibt es bedeutungslose Tourifotos aus London mit Bond-Trivia, yay!

Dies ist ein vollkommen ungeplanter Artikel. Eigentlich wollte ich anfangen, etwas zu Menstruationsbeschwerden zu schreiben, aber dann habe ich gestern Abend Spectre gesehen. Ich weiß, ich bin etwas spät zur Party, aber zum Kinostart war ich krank, und als ich wieder gesund war, lief er nur noch in der synchronisierten Version, und und und. Aber, Segen der neuen Zeit, schon zwei Monate nach der Premiere gibt es den Film online. Damit meine ich legal online, illegal online war er bestimmt auch schon zwei Monate bevor er in die Kinos kam.

Zu meinem Hintergrund, falls vergessen: Ich schaue quasi ständig Bond-Filme, die wenigsten davon halte ich für gut, einen respektablen Anteil würde ich sogar unter “unerträglich” einordnen. Dennoch ist die einmale Langlebigkeit, die mir gut gefällt. Ich halte die kaum unterbrochene Fortführung von den Frühen Sechzigern bis jetzt für eine gute Gelegenheit, gesellschaftliche, soziale, filmische, modische,… – eigentlich so gut wie alle Veränderungen der betroffenen Jahrzehnte abzuleiten.

Für alle, denen auffällt, dass ich letzte Woche noch über Fortsetzungen im Kino meckerte und diese Woche schwärme, wie super eine 24-Teile-Filmserie ist: Stimmt, das klingt für das ungeübte Ohr nach einem Widerspruch.

Gerade mal in zwei Bonds gibt es keine Szene im Londoner MI6-Hauptquartier, You Only Live Twice und Licence to Kill. Bei Dr. No heißt MI6 allerdings MI7.
Gerade mal in zwei Bonds gibt es keine Szene im Londoner MI6-Hauptquartier, You Only Live Twice und Licence to Kill. Bei Dr. No heißt MI6 allerdings MI7.

Um gleich mal die Spannung raus zu nehmen: Ich fand Spectre fürchterlich.In meinem Regal kann er sich zwischen Die Another Day und Moonraker in die Unerträglich-Abteilung stellen. Selbst jetzt, da ich zornig darüber geschlafen habe, mir fällt nichts an dem Film ein, was ich mochte. Spectre versagt bei mir in allen Aspekten.

Fangen wir vorne an. Apropos anfangen, wer den Film noch nicht gesehen hat, bitte jetzt schnell nachholen. Der folgende Text enthält spoiler. Oder nicht weiterlesen, das geht auch.

Wo waren wir? Genau, ganz vorn. Die Eröffnungssequenz. Bei Spectre existiert diese ausschließlich als stilbildende Maßnahme. Für die Charakterentwicklung ist fast, für die Handlung vollständig unnütz. Aber, Stilbildung halte ich auch für legitim, und dafür wird gleich richtig dick aufgetragen. Der Film beginnt mit einer vierminütigen Kamerafahrt durch Mexico City, bevor der erste Schnitt kommt. Das ist schön anzusehen und ob der komplexen Strecke echt beeindruckend, mich hat es allerdings nicht mehr in den Film gesogen, sondern Lust auf das making off gemacht. Aber hübsch gemacht, obwohl ich das colour grading – die Färbung der Bilder – in der Eröffnungssequenz viel zu sandig-erdig-verblasst fand. Aber das ist nur eine Minibeschwerde, bei aktuellen Filmen ist mir alles recht, was nicht das omnipräsente orange-blau ist.

Inhaltlich ist Mexico City auf jeden Fall für den Popo. Nur ein schöner Backdrop, damit Bond den für die Weiterentwicklung der storyunsinnigerweise benötigten italienischen nobody töten kann. Und danach gibt es Vorspann. Da tauchen zu meinem Schock die Leute aus den letzten drei FIlmen auf. Das ist ein bisschen wie bei Sitcoms, in denen der Vorspann auch aus den witzigsten Szenen der letzten Staffel zusammenmontiert wird.

Wer das Titellied von Sam Smith nicht mag, es gab auch einen Versuch von Radiohead, keine Ahnung, ob das besser gewesen wäre.

Als einen der enttäuschendsten Momente des Films empfand ich die Auto-Verfolgungsjagd in Rom. Ich glaube an die Theorie, dass die Sponsoren ihre Produkte nicht mit Unfällen in Verbindung bringen wollen, daher ist die Szene wie schlechter Sex, zwar kann man ein Häkchen an alle formalen Anforderungen an eine Auto-Verfolgungsjagd machen, danach fragt man sich allerdings, ob das wirklich schon alles war. Die trancehafte Harmonie, gemeinsam zügig durch Rom zu fahren, wird die sonderbar chorale Hintergrundmusik unterstützt. Für mich war das allerdings nur eine von mehreren Stellen, in der mir die Musik auffiel, weil sie mich nervte.

Die Witze während der kuscheligen Verfolgung waren ein Flashback in die Siebziger, spätestens das Auftauchen des Italieners im Cinquecento ließ mich wundern, ob nach dem nächsten Schnitt Roger Moore im Aston Martin sitzen würde. Überhaupt kam mir vieles in Spectre wie ein mashup vergangener Bonds vor, was ja bei einer monothematischen Serie unvermeidlich ist, aber irgendwie war mir das zu direkt 1:1 übernommen. Ich bin sicher, einige Dialogzeilen in exakt der gleichen Form in einem Vorgängerfilm gehört zu haben.

Spectre kam 20 Jahre nach Goldeneye raus, welchen ich schon im Kino gesehen habe. Dieser Gedanke lässt mich sehr alt fühlen.
Spectre kam 20 Jahre nach Goldeneye raus, welchen ich schon im Kino gesehen habe. Dieser Gedanke lässt mich sehr alt fühlen.

Eine große Frage bei allen Bonds ist für mich immer “Ist das ernst gemeint?”. Nach ein paar Jahren am Stück werden die Filme regelmäßig so over the top, dass ein reboot zum Erden unvermeidlich wird. Spectre fühlt sich an, als wenn das bald bevorstehen müsste. Das verwundert mich, da sich Casino Royal, Quantum und eingeschränkt auch Skyfall viel Mühe gaben, gritty und bodenständig zu sein. Keine Gadgets, keine Ha-Ha-Witze, mehr Charakterentwicklung. Offenbar hat jemand beschlossen, das für Spectre alles über Bord zu werfen, mit der Ausnahme von gadgets, die immer noch unspektakulär im Hintergrund bleiben. Aber der Rest?

Eine Geheimorganisation, deren Besprechungskultur in den 60ern stecken geblieben ist?

Das Versteck des Bösewichts in Marokko, was ganz offensichtlich aus leicht entflammlichen Sprengstoff gebaut wurde?

Die Schergen, die trotz Waffen keinerlei Gefahr darstellen?
Der unverletzbare Bond, der nur K.O. geht, wenn man es für die Handlung braucht?

Auf die Tochter des netten Bösewichts auspassen, weil sie nur eine Frau ist?

Ich könnte ewig so weiter machen. Ganz offenbar ist die Antwort, dass das nicht ernst gemeint ist. Vielleicht war die Hoffnung, dass sich keiner über den Film lustig macht, weil es einfach zu leicht ist. Spectre ist an der Grenze zwischen James Bond und Austin Powers.

In Spectre taucht Spectre zum sechsten Mal als Bösewichtorganisation auf. Früher hieß Spectre aber noch SPECTRE.
In Spectre taucht Spectre zum sechsten Mal als Bösewichtorganisation auf. Früher hieß Spectre aber noch SPECTRE.

Ich hatte am Abend vor Spectre die letzte Sherlock-Folge gesehen. Sherlock kämpft spätestens seit der dritten Staffel dagegen, eine langweilige Prozeduralserie zu werden, in dem jede Folge noch mehr meta, noch ironischer, noch mehr Post-Sherlock wird. In der letzten Folge ist das so ausgeprägt, dass man vor lauter Metaschichten kaum noch weiß, worum es eigentlich geht. Aber dafür lässt man der Serie jedes Klischee durchgehen, egal wie dick aufgetragen, weil es ja im Zweifel nicht so gemeint ist. Und ganz ähnlich kam mir auch Spectre vor, als ob gleich ein raffinierter Schnitt käme, nach dem zu sehen ist, dass der zuvor gesehene Unsinn mit Bösewichttagungen und Explosionen nur ein Drogentraum eines ehemaligen Agenten ist, der der guten alten Zeit nachweint.

Apropos Sherlock. Mit dem ersten Auftreten von Andrew Scott in Spectre sollte eigentlich jeder wissen: Ah, der ist böse, wir erfahren aber noch, warum. Das ist schade, denn ein bisschen Unklarheit hätte der Handlung echt etwas Reiz geben können.

So bleibt als Aussage des Films, elektronische Überwachung ist schlecht, Terrorismus ist schlecht. Überwachung durch einen Menschen ist gut, Leute im Rahmen von Geheimdiensttätigkeit töten ist auch gut. Warum das einen Unterschied macht, sagen wir nicht.

Ähnlich, wie ich in diesem Artikel ziellos über den Film schreibe, mäandert Spectre durch die länger wirkenden zweieinhalb Stunden. Zu keinem Zeitpunkt musste ich mich fragen, wie es wohl weiter ginge, viel zu gleichmäßig bewegt sich der Film langsam und unvermeidlich voran. Das spannendste ist für mich, ob der nächste Film, Bond #25, dann Totalreinfall oder Reboot ist.

Filme 2016

Kino
Fun fact 1: Kodak hatte vier Millionen pro Jahr gezahlt, nur damit der Ort der Oscarverleihung nach ihnen benannt war.

3. Oktober 2013. An diesem Tag war ich zuletzt im Kino. Als Horst “Filme 2016” als Thema für den nächsten Artikel ansagte, wurde mir bewusst, wie wenig Bezug ich zum Thema habe. Natürlich habe ich seit dem aktuelle Filme gesehen, schließlich laufen die gefühlte zwei Wochen nach dem Kinostart schon bei Vudu, Netflix, Amazon, … Aber in meiner sehr subjektiven Vorstellung kamen seit dem 3. Oktober 2013 tausende von Filmen heraus, und die Hälfte davon davon waren Fortsetzungen von Iron Man oder CGI-Kinderfilme. Mit Fortsetzung von Iron Man meine ich im Zweifel sicher all die Comicverfilmungen, die zwar im gleichen Universum spielen, mit den gleichen Akteuren, der gleichen storyline, aber etwas ganz, ganz anderes sind. Daher meine Entschuldigung an die connaisseure.

Kino
Fun fact 2: Die Anzahl der Kinos in Deutschland schrumpft stetig seit über zehn Jahren.

Remember (Startet in den US am 12. Februar, hier weiß ich gar nicht)

Christopher Plummer (dessen Filmographie so divers ist, als wäre sie von einem Zufallsgenerator erstellt worden) als demenzkranker Auschwitzüberlebender, der den für den Tod seiner Familie verantwortlichen Nazi sucht, um ihn zu ermorden.
Nur anhand der story wüsste ich nicht, ob das ein sehr ernster Film oder ein tragischkomischer roadmovie sein wird, der trailer wirkt auf jeden Fall eher getragen.

Um die verpasste Zeit zu überbrücken, habe ich mir mal die Listen der erfolgreichsten Filme der Zwischenjahre angeschaut. Das Jahr 2014 sah im Kino so aus:

  1. Transformers: Age of Extinction
  2. The Hobbit: The Battle of the Five Armies
  3. Guardians of the Galaxy
  4. Maleficent
  5. The Hunger Games: Mockingjay – Part 1
  6. X-Men: Days of Future Past
  7. Captain America: The Winter Soldier
  8. Dawn of the Planet of the Apes
  9. The Amazing Spider-Man 2
  10. Interstellar

Da waren ja gerade mal neun von zehn Filmen Fortsetzungen oder (Neu-)Verfilmungen von bestehendem Content, was für ein innovatives Kinojahr! So sehr Interstellar von 2001: A Space Odyssey und dem Inhalt vorangegangener Nolanfilme inspiriert war, dieser Film war das originelle Highlight dieser Top 10.

2015 war ganz ähnlich:

  1. Jurassic World
  2. Star Wars: The Force Awakens
  3. Furious 7
  4. Avengers: Age of Ultron
  5. Minions
  6. Spectre
  7. Inside Out
  8. Mission: Impossible – Rogue Nation
  9. The Hunger Games: Mockingjay – Part 2
  10. The Martian

Bei Martian als alleinstehender Buchadaption könnte ich ja noch ein Auge zudrücken, aber so richtig neu war nur Inside Out, ein Disney-CGI-Film.

Auch die Anzahl der Kinostandorte befindet sich im freien Fall, das Dorfkino stirbt aus.
Fun fact 3: Die Anzahl der Leinwände dagegen steigt mittlerweile wieder an, soll heißen: Kleine Kinos sterben aus, Multiplexe halten sich.

Valencia (11. März)

Das setting schreit geradezu “low budget”. Frau wird nach Unfall in einem kleinen Kellerraum festgehalten. Mir ist der Film nur aufgefallen, weil er von Dan Trachtenberg ist, der mir aus dem lange nicht mehr laufenden podcast “Totally Rad Show” noch gut in Erinnerung ist. Damals war er ein Typ, der gern Filme machen würde, jetzt ist er ein Typ, der Filme macht. So beruhigend linear kann das Leben doch sein.
Trailer hab ich nicht, dafür einen Kurzfilm von Dan Trachtenberg, auch mit Frau im Keller.

Ich schließe aus den Kinocharts der letzten zwei Jahre, dass sich ein Großteil der Kinogängerschaft derzeit vor allem nach Sicherheit am Kinoabend sehnt. Man will wohl gewohnte Gesichter sehen und duldet Überraschung nur im vorher angesagten Rahmen.
Mich erinnert diese aktuelle Monokultur an die Hollywood-Kinolandschaft der 50er und frühen 60er Jahre. Auch da gab es fast ausschließlich formelhafte Filme in einem Baukastensystem mit den immer wieder gleichen Themen, Darstellern, Produktionen. Statt der Wahl zwischen romantischer Komödie und romatischer Schnulze darf jetzt zwischen Fantasy und SciFi gewählt werden.
Allerdings war Filme machen damals noch ein aufwändiges Unterfangen, so gab es nur ein Monopol von wenigen Studios, die den Markt dominierten. Zwar ist das gerade ähnlich, nur wenige Studios machen die ganz großen Sachen, daneben gibt es jetzt aber eine unüberschaubare Fülle an anderen Produktionen. Es liegt also gerade nicht am mangelnden Angebot. Obwohl im Nachbarkino ein “richtiger Film” lief, gaben Kinobesucher im Jahr 2014 ganz willentlich eine Milliarde Dollar aus, um einen weiteren Teil des Filmremakes einer Fernsehserie zu schauen, die wiederum als Marketingvehikel für Kinderspielzeug lief.
Vielleicht ja ist das genau der Punkt: Was gerade im Kino passiert, ist vielleicht der ultimative Sieg des Fernsehens über das Kino, der Serie über den Film. Die heimelige Vertrautheit, dass Inspector Columbo auch dieses Mal den Mörder findet, hat man jetzt auch im Kino, wenn ein mir nicht bekannter Superheld wieder die Welt rettet. Einziger Unterschied ist, dass man dabei nicht auf der eigenen Couch, sondern in einem Sessel, in den zuvor jemand anders gepupst hat, sitzt. Das passt ja auch ganz gut zur Diskussion, ob Kino seit digitaler Projektion nur noch “TV in public” ist.

Die Anzahl der Kinos in Deutschland schrumpft stetig seit über zehn Jahren.
Fun fact 4: Auch die Anzahl der Kinostandorte befindet sich im freien Fall, das kleine Dorfkino verschwindet.

The Nice Guys (20. Mai)

So very 70s! Und lustige Bärte! Der Film sieht mir zu blöd aus, um auch nur darüber nachzudenken, ob man dafür Geld ausgeben sollte. Ich habe ihn eigentlich nur herausgesucht, um zuzuschauen, wie sehr Russel Crowe und Kim Basinger seit L.A. Confidental gealtert sind.

Serien in Filmform gibt es ja schon immer. Und auch Verfilmungen von Büchern, geschriebenen wie gezeichneten, sind ja auch kein momentanes Phänomen. Ich finde auch einen gewissen Anteil von sicheren Inseln im Meer der Neuerscheinungen durchaus angenehm. Jedoch die aktuell so überwältigende Dominanz vom Gewohnten im Kino diesen verschreckt mich.
Da war ich nun zwei Jahre lang nicht im Kino und lese auch nur wenig zu herauskommenden Filmen, trotzdem traue ich mir zu, für zwei Drittel der Filmplakate am nächsten Mehrsaal-Kettenkino Inhalt und Ende des Films weitgehend korrekt beschreiben zu können.
Glücklicherweise ist ja am Ende des Tunnels immer Licht, auch in den 60ern starben die öden studio systems Filme aus und es folgte eine Phase, in der sich Filme mit revolutionär neuen Ideen überbieten wollten. Das lässt mich hoffen, dass irgendwann auch anderen die gerade erfolgreichen media franchises zu fad sind und sie im Kino in einen Film gehen, bei dem sie noch nicht genau wissen, was sie erwartet.
Ich habe aus der großen Liste der Filme, die 2016 herauskommen, eine handvoll herausgepickt, die auf den ersten und zweiten Blick nicht nach einem Teil einer Serie, einer cross promotion, einer Verfilmung eines comics aussehen. Wobei die Grenzen schwimmend sind, Hail, Caesar! zum Beispiel ist von Idee bis Umsetzung Werk der Coen-Brüder, wirkt aber so sehr wie deren bisherige Filme, dass ich ihn wegen vermutlich mangelnder Innovativität rausließ, obwohl er bestimmt sehr unterhaltsam sein wird.
Insgesamt habe ich mich sehr schwer getan, selbst nach dem Studium einer Liste der 50 most anticipated films of 2016 war gar keiner dabei, den ich wirklich gern sehen wollen würde.
Daher ist es ja gar nicht unpassend, dass ich nicht ins Kino gehe.

Wer liest 2016 überhaupt noch Blogs?

So ist 2016. Da starrt der Restaurantbesucher auf sein Handy, statt die obskure Gottheit über sich wahrzunehmen.
So ist 2016. Da starrt der Restaurantbesucher auf sein Handy, statt die obskure Gottheit über sich wahrzunehmen.

Das habe ich mir selbst eingebrockt, ich habe Horst vorgeschlagen, für ein Horst working Revival etwas zum Thema “Wer liest 2016 überhaupt noch Blogs?” zu schreiben.

Um diesen Artikel anzufangen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Vielleicht mit einer Statistik?

Um zunächst nachzuschauen, wie viele Leute noch Blogs lesen, googlete ich “top ranking blogs” und stieß auf die übliche Statistik bei Alexa oder ähnlichem, die die Top 20 oder 15 Blogs auflistete, nebst der monatlichen unique page impressions.
Allerdings überrollte da die Huffington Post alles andere, hat allein so viele Zugriffe wie die Plätze zwei bis fünf kombiniert. Und in meinem Weltbild ist die Huffngton Post gar kein Blog, sondern eine Onlinezeitung oder – zeitschrift. In Deutschland ist die Huff sogar nur eine Alternativ-URL für Focus Online. Also quasi, gegebenenfalls ich habe das etwas vereinfacht aufgefasst. Aber auch die weiteren Plätze sind nicht das, was ich mir unter einem Blog vorstelle, vielmehr diverse Onlineangebote deren Blogcharakter nur davon kommt, dass halt hintereinander weg Content gepostet wird.
Der Start in den Artikel mit einer Statistik fällt also aus, denn so richtig die Blogcharts auch sein mögen, sie passen nicht zu meiner Vorstellung zum Thema Blog.

Um den Rahmen dieses Begriffs zu umreißen, könnte ich ja auch mit einer Definition anfangen.

Das oder auch der Blog /blɔg/ oder auch Weblog /ˈwɛb.lɔg/ (Wortkreuzung aus engl. Web und Log für Logbuch) ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Blogger, international auch Weblogger genannt, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert („postet“) oder Gedanken niederschreibt.
(von Wikipedia)

Aber ganz ehrlich? Mit einer Definition anzufangen, klingt nach dem quälenden Vortrag einer Mitschülerin, den man sich an einem Donnerstag Nachmittag, in der siebten oder achten Stunde, im Rahmen des Wahlpflichtfachs “Wirtschaft und Soziales” zum Thema Cournotscher Punkt in der elften Klasse anhören musste. Da hat die stets motivierte Marlene das so schwierig klingende Thema mit einer Definition begonnen, damit auch die Verständnisherausgeforderten in der Klasse gleich wissen, worum es in den nächsten dreißig Minuten gehen würde.
Allerdings – und daran erkennt man, dass ich die Zeit, seit dem ich an jenem imaginären Donnerstag Nachmittag die Definition des Cournotschen Punktes rezitiert bekam, in Jahrzehnten und nicht mehr in Jahren zählen kann – hätte die imaginäre Marlene damals nicht Wikipedia, sondern die lokale Bibliothek für die Definition bemüht. Ich gehe sogar davon aus, dass es in einer heutigen elften Klasse gerade die verständnisherausgeforderten Mitschüler sind, die halbherzig aus Wikipedia kopieren.
Daher scheidet eine Definition als Start in den Artikel auch aus, schließlich will ich ja nicht als fauler Elftklässler rüberkommen.

Die dritte Möglichkeit, und damit das Ende meines Skillsets, routiniert in ein Thema zu führen, wäre eine eigene Anekdote, eine Erzählung mit persönlichem Bezug.
Ich war spät zur Blogparty, ganz einfach in Ermangelung an Internet. Bis Anfang der 2000er gab es Internet für mich nur da, wo man eine Mark pro Stunde Surfen an einem altersschwachen PC bezahlte, während sich im Nachbarraum eine Gruppe nach Schweiß und Red Bull riechender junger Herren Counterstrike spielte. Und für eine Mark die Stunde hatte ich keine Lust darauf, die wenig mitreißenden Erlebnisse eines Regaleinräumers bei Lidl zu lesen. Dies war nach meinem damaligen Verständnis nämlich das, was Blogs ausmachte. Vor allem, weil ich mal beim Durchschalten einen 2-Minuten-Beitrag bei RTL regional gesehen hatte, der vom großen Erfolg des Weblogs eines Lidl-Regaleinräumers berichtete. Das muss wirklich schon lange her sein, da ich noch nicht resigniert hatte, Fernsehen zu schauen.
Und so bildete sich meine Meinung zu Blogs – unangemessen lange Abhandlungen zu irrelevanten Themen. Und tatsächlich, so falsch ist das ja gar nicht. Denn war es vor allem die Irrelevanz der Themen, wegen derer ich mich später zu diversen Blogs hingezogen fühlte.
Während in Zeitungen und Fernsehen inklusive deren jeweiliger Onlinedependanzen die gleiche Meldung eines Nachrichtendienst roboterartig wiederholt wurde, fand ich in Blogs Artikel, die mich abseits der aktuellen Schlagzeilen interessierten. Endlich konnte ich etwas zu mechanischen Uhren lesen, ohne eine ganze Zeitschrift voller widerlicher Luxusspielzeuge für den Herrn kaufen zu müssen. Das Thema mechanischer Uhren lässt sich mit quasi jedem anderen Auswechseln.
Auch die Darreichungsform war oft weniger effekt- und damit klickheischend, alles war ruhiger und ausführlicher. Gutes, übersichtliches Layout mit klarer Grenze zwischen Content und dem drumherum, weiterführende Links, die immer Sinn machten. Ein gutes Blog wirkte nüchterner und ernsthafter als das typische Newsportal jedes Medienkonzern.

Bahnhöfe und Züge sind ja immer eine schöne Illustration für "Wie sich die Zeiten ändern"-Geheule.
Bahnhöfe und Züge sind ja immer eine schöne Illustration für „Wie sich die Zeiten ändern“-Geheule.

Aber wer liest nun 2016 noch Blogs? Wenn ich ganz genau bin, folge ich mittlerweile nur noch sehr wenigen Blogs, ich könnte sie vermutlich an den Fingern abzählen, und ich folge diesen nur sehr halbherzig. Vielleicht liegt das an der Funktion, die sie für ich haben.
In meiner Vorstellung waren Blogs für eine Weile so etwas wie eine Zeitung ohne den Mittelsmann. Mein naives, filmbeeinflusstes Weltbild stellt sich den Weg zum Zeitungsartikel so vor:
Der dynamische Reporter, der übrigens einen Hut trägt, bekommt den Auftrag, etwas zum Thema XY zu schreiben. “1000 Wörter bis Redaktionsschluss.”. Daraufhin schnappt er sich seinen Notizblock und los geht die Recherche, deren Ergebnis er mit seiner Meinung zu 1000 schmissigen Wörtern verschmilzt. Diese gibt er dann just in time in seiner Redaktion ab, die den Artikel nicht mag und stattdessen was anderes druckt.
Und ein Blog wäre dann das gleiche, nur ohne die Redaktion dazwischen. Ich selbst bin die Redaktion, weil ich zwischen gefühlt nie versiegenden Quellen wählen kann, was ich lesen möchte.
Aber wie so oft, wenn man denkt, jeder könne das mal machen, was sonst dafür trainierte Personen im Rahmen ihrer Arbeit abliefern, ist das Ergebnis zwar ähnlich, aber in den meisten Fällen halt dilettantisch. Dieser Artikel ist ein gutes Beispiel dafür, meine Recherche waren eine Google-Anfrage und einmal copy and paste aus Wikipedia, der Rest ist unqualifiziertes Gelabere. Wobei das hier auch ein sehr ausgeprägtes Beispiel für einen schlechten Artikel ist.
Aber selbst die guten Blogs, die ich lese, erreichen für mich eher selten die Qualität eines guten Zeitungsartikels, auch, wenn ich mich thematisch einfacher in der Vielzahl von Blogs als in Zeitungen zu Hause fühle. Häufig beschleicht mich das Gefühl, dass ich am Ende eines Blogartikels zwar die Meinung der Autorin, des Autors gut kenne, aber nicht wirklich viel zum Thema des Posts gelernt habe. Das ist vollkommen in Ordnung, aber bedeutet auch, dass ich meinen naiven Glaube an Graswurzeljournalismus in Form von Blogs verloren habe. Das Pendant in Zeitungen ist dann nur eine Glosse, jedenfalls bei den Sachen, die ich lese.
Irgendwie beschleicht mich ohnehin das Gefühl, das ernstzunehmende Blogger ohnehin nur Buchautoren sind, die noch bei keinem Verlag untergekommen sind. Oder Fotografen ohne Agentur. Oder Motivationscoaches ohne Vortragsreihenveranstalter. Also Personen, die das, was sie eigentlich machen wollen, (noch) nicht machen können und in der Wartezeit Blogzeilen füllen.

Alle Fotos in diesem Artikel sind auf Film aufgenommen, um die Vergänglichkeit des Themas widerzuspiegeln oder so.
Alle Fotos in diesem Artikel sind auf Film aufgenommen, um die Vergänglichkeit des Themas widerzuspiegeln oder so.

Wenn nicht Zeitungsersatz, dann das Blog als reines Unterhaltungsmedium? In diesem Bereich ist die Konkurrenz beinahe grenzenlos. Bücher, Magazine, Spiele, Videos, Podcasts, Hörbücher oder sogar mal rausgehen… Und außerdem heißt es ja immer, dass sich unser Contentkonsumverhalten verändert hat und wir alle gar nicht mehr in der Lage sind, so lange Inhalte wie die ausführlichen Geschichten des Regaleinräumers zu schauen. Entertainment findet heute meist auf einem sechs mal zehn Zentimeter großen Display statt und sollte möglichst nicht mehrere Minuten dauern.
Auf mich trifft das zu, bis auf schnelles auf-dem-Telefon-lesen in den zehn-Minuten-Pausen des wohlgeplanten Alltags bleiben mir wenig Möglichkeiten, Blogs zu lesen. Es wäre interessant zu wissen, ob wir nur noch kleine Infohäppchen vertragen, weil wir doof geworden sind; oder ob wir doof geworden sind, weil wir nur noch kleine Infohäppchen bekommen.
Auch die Darreichungsform von Blogs allgemein finde ich unästhetisch. Eigentlich hatte ich mal gedacht, das Blogs mit RSS als Verteilungsform perfekt wären, um so etwas wie eine individuelle elektronische Zeitschrift zu füllen, bei der es dann ein Vergnügen ist, durch die eigenen Lieblingsthemen zu blättern. Aber spätestens Blogs, die nur einen verkürzten Feed anbieten, um einen zum Werbebannerklicken auf die Seite zu locken, versauen diese Vision. Und ganz ehrlich, es ist 2016, jeder Toaster ist appfähig, ich bin nicht mehr bereit, irgendetwas längeres zu lesen, indem ich eine URL im Browser eingebe. Das ist Internet für Höhlentiere!
Deswegen schau ich mir nur noch Blogs mit vollem Feed in Feedly an, aber auch das ist weit vom gewünschten Blättern in einer Zeitschrift entfernt.
Lesen ist sowieso schwierig, wenn man keine Zeit hat. Youtubekanälen kann man auch nebenbei beim Kochen folgen, Podcasts hört man beim Putzen, Hörbücher sind super Begleiter beim Laufen. Aber zum Lesen braucht man halt viel Zeit und es geht nicht nebenbei.

Auch dieses Bild hat nichts mit dem Artikel zu tun, aber nun ist es auch egal.
Auch dieses Bild hat nichts mit dem Artikel zu tun, na und?

Zur Frage des Artikels, wer liest 2016 überhaupt noch Blogs? Ich bin es auf jeden Fall nicht.
Aber wenn Du bis hierher gelesen hast, Dich durch 1400 Wörter und vier Fotos gekämpft hast, scheint es auf jeden Fall noch eine Person zu geben, die 2016 noch Blogs liest.