World Press Photo of the Year 2015

Was stell ich denn für Fotos zu diesem Thema ein? Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, meine Bilder hätten etwas mit dem World Press Photo zu tun.
Was stell ich denn für Fotos zu diesem Thema ein? Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, meine Bilder hätten etwas mit dem World Press Photo zu tun.

Für mich ist die Bekanntgabe des World Press Photo of the Year immer eine große Sache, und endlich ist wieder ein Jahr herum – seit 18. Februar wissen wir, was das Weltpressefoto des Jahres 2015 ist.
Für diejenigen, die zu bequem sind, dem Link oben zu folgen: World Press Photo ist eine gemeinnützige Stiftung, die seit 1955 das Weltpressefoto des Jahres durch eine Jury auswählt und auszeichnet. Diese Dekorierung gilt als höchste Würdigung im Fotojournalismus, die Liste enthält so gut wie alle Reportagefotografien, die sich in unser kollektives Gedächtnis der letzten 60 Jahre eingebrannt haben.
Neben meinem Interesse am Thema Fotojournalismus, dem ich sicher noch einen eigenen Artikel widmen werde ist die fast ununterbrochene Kontinuität noch mehr als bei den schon mehrfach angesprochenen James-Bond-Filmen eine Gelegenheit, Zeitgeist und gesellschaftliches Interesse am Verlauf der Weltpressefotos der jeweiligen Jahre abzulesen. Und dies sowohl bezogen auf die Sujets der ausgezeichneten Bilder, als auch auf den stilistischen Wandel im Laufe der Zeit. Und gerade das zweite ist ein großes Thema der letzten Jahre gewesen.

Mein Lösung: Pressefotos sind Bilder als Ergänzung des geschriebenen, um mich davon abzugrenzen, nehme ich Bilder von Geschriebenem.
Mein Lösung: Pressefotos sind Bilder als Ergänzung des Geschriebenen, um mich davon abzugrenzen, nehme ich Bilder von Geschriebenem.

Während das Dauerdiskussionsthema bei Reportagefotografien für gewöhnlich die Ethik des Themas war, explodierte nach der Auswahl des Photo of the Year 2012 eine sich schon lange anbahnende Auseinandersetzung zu der Frage, wann ein Foto noch ein Foto ist. Das Anfang 2013 für das Vorjahr ausgezeichnete Foto ist einem Maße nachbearbeitet, dass es fast schon einem Gemälde gleicht – und die Überlegung provoziert, was es ist, das Fotojournalismus ausmacht. Geht es um eine gutes Foto oder um eine wahrheitsgetreue Dokumentation? Kann ein ein Bild – das so lange in Photoshop editiert wurde, dass es überall perfekt ausgeleuchtet ist, dass alle Personen perfekten Teint haben, dass alles im Bild aussieht, als sei es inszeniert – überhaupt als Reportagefotografie dienen oder ist dies per se mehr Kunst als Journalismus? Kann es Fotojournalismus überhaupt in Photoshop und CGI noch geben? Romantisieren wir die Vergangenheit, in der wir alle Pressefotografen zu Heroen stilisieren, die in Lebensgefahr durch Kugelhagel robbten, um mit einem in seiner Imperfektion perfekten Bild unsere Aufmerksamkeit auf ein unangenehmes Thema zu lenken? Und auch stilistisch, soll ein Foto aus einem Krisengebiet überhaupt so gut aussehen?

"Jeder Star, Ich jetzt" wäre ein guter Name für ein medienkritisches Buch.  Keine Ahnung, was auf der vollständigen Werbung stand.
„Jeder Star, Ich jetzt“ wäre ein guter Name für ein medienkritisches Buch. Keine Ahnung, was auf der vollständigen Werbung stand.

Die letzte der Fragen kann jeder ja für sich selbst beantworten. Mir selbst gefallen überschärfte, super ausgeleuchtete, sauber aussehende Fotos generell nicht gut – und gerade im Zusammenhang mit einer Berichterstattung aus einem Unruhegebiet halte ich das stilistisch für nicht passend. Aber das ist halt Geschmackssache, ich mag auch kein HDR mit allen Reglern auf 11, die Sehgewohnheiten der Allgemeinheit scheinen da zu differieren, sonst wäre Trey Ratcliff nicht so erfolgreich.
Es ist sicher eine normale Entwicklung, durch die Durchsetzung der digitalen Bildbearbeitung und deren Weiterentwicklung bieten sich plötzlich neue Möglichkeiten, die es vorher noch nicht gab. Und es wäre ja blöd, diese nicht zu benutzen. Und klar, neue looks reizen und prägen die Sehgewohnheiten, und so bewertet das Publikum dann auch ein Foto nach seiner Schärfe, Farbenfreude und Perfektion, weil dies die sich entwickelnden Trends der letzten Jahre waren. Aber wie bei jedem Trend folgt ein Gegentrend. Jetzt, da jeder mit einer billigen Kamera und ein bisschen Bildbearbeitung ein better-than-real-life-Bild zusammenbauen kann, floriert eine Gegenkultur, die das ruppige, unschärfe und körnige Foto der Vergangenheit verehrt. Daher wäre meine Einschätzung, dass ganz von allein Fotos wie das unrühmliche Gemälde von Paul Hansen aus dem Wettbewerb verschwinden würden, ganz ohne Gegenmaßnahmen, weil sich die Jury an zu hübschen Fotos sattgesehen hat.

Ich finde, das "cheap" ist ein wenig zurückhaltend in der Reihung.
Ich finde, das „cheap“ ist ein wenig zurückhaltend in der Reihung.

Nach dem Aufschrei über das zu perfekte Foto des Jahres 2012 gab es dann letztes Jahr noch elementarere Probleme beim Weltpressefotowettbewerb, da eine hohe Anzahl von Teilnehmern – unter anderem auch der Gewinner einer Kategorie disqualifiziert wurden, weil die Bilder so weit editiert waren, dass sie als nicht mehr wahrheitsgetreu qualifiziert wurden. Und das natürlich war ein Problem, was jedem nachvollziehbar war. Und recht schnell wurde auch da das allmächtige Photoshop als Ursache festgelegt. Das editieren von Bildern, um etwas anderes als die Realität darzustellen, nennt man ja schließlich sogar photoshoppen…
Aber das finde ich zu kurz gegriffen, schließlich gab es auch in analogen Zeiten Bildbearbeitung. Und das nicht zu knapp. Wenn man sich die Zwischenarbeitsschritte berühmter Bilder etablierter Fotografinnen und Fotografen ansieht, fällt auf, dass das aufgenommene Negativ nur der Anfang für die Arbeit am gewünschten Bild war. Und festzulegen, wann eine Bildbearbeitung nur dient, damit das Bild besser aussieht, und ab welchem Zeitpunkt das Bild durch das Editieren einen anderen Inhalt bekommt, ist schwierig bis unmöglich.
Selbst die berühmten Bilder des Gottes der ungestellten Fotografie, Henri Cartier-Bresson, sind so beschnitten und bewedelt worden, dass sie gefielen und stellen trotz ihrer unscharfen-grobkörnigen Spontanität genauso das Ergebnis von gezielter Bearbeitung dar, wie das Gazastreifengemälde von 2012.
Aber passend zu dieser Diskussion des letzten Jahres kam dann die Trendwende im echten Leben, als mit Reuters eine der richtig großen Nachrichtenagenturen die Regeln für ihren Anspruch an Fotografien änderte.
Auch hier ein paar erklärende Vorworte die nonaficionados: Als Fotografienoob nimmt man – verkürzt dargestellt – seine Bilder als jpeg auf. Das ist dann eine handliche, anschaubare Bilddatei, die man ganz toll bei Facebook hochladen oder bei der Familie auf dem neuen Fernseher zeigen kann. Im Gegensatz dazu, als Profifotograf speichert man seine Fotos als raw. Das sind die aufgenommenen Rohdaten, die kann man zwar nicht so einfach anschauen, dafür lassen sie extrem viele Möglichkeiten für die Nachbearbeitung. Und da Nachbearbeitung in digital wie auch schon zuvor in analog ein Großteil des Fotos ausmacht, ist raw das dedizierte Profiformat.
Und genau das wollte Reuters nicht mehr. Freischaffende Fotojournalisten dürfen jetzt ihre Bilder nur noch in der Form von als jpegs aufgenommenen Dateien abgeben. Das heißt, die Profis müssen aufnehmen, wie der oben beschriebene Fotografienoob. Reuters verspricht sich davon, dass die Bearbeitungszeit zwischen Aufnahme und Veröffentlichung deutlich kürzer ausfällt – und dass die weniger bearbeiteten Fotos mehr Kredibilität haben.

Das Geschäft dazu war schon lange geschlossen. Ich wüsste gar nicht, wo ich heute Därme kaufen  könnte, wenn ich welche bräuchte.
Das Geschäft dazu war schon lange geschlossen. Ich wüsste gar nicht, wo ich heute Därme kaufen könnte, wenn ich welche bräuchte.

Als diese Dinge zielen in die gleiche Richtung, Pressefotografie soll wahrheitsgetreuer, weniger hochglänzend, näher an den jetzt idealisierten Gegebenheiten vergangener Tage sein. Und diese Bewegung kulminiert in der Auswahl des World Press Photos 2015. Der jetzt gekürte Gewinnerbeitrag von Warren Richardson zur Flüchtlingskrise ist ein unscharfes, grobkörniges, nachts aufgenommenes Foto, was wie der pixelgewordene Wunsch nach mehr Glaubwürdigkeit, Nähe und Realismus aussieht. Damit sollten die Diskussionen der letzten Jahre verstummen, denn dieses Bild sollte alle kritischen Stimmen verstummen lassen.
Schade nur, dass man gar nicht mehr so richtig auf den Inhalt des Bildes achtet, während man schaut, ob das Bild in angemessenen Maße nachgearbeitet wurde…

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2 Gedanken zu „World Press Photo of the Year 2015

  1. sehr coole Idee, die Schreibbilder 🙂

    Ansonsten puh, war zwischendurch wegen völlig fehlender Fachkenntnis kurz vorm Aussteigen, warst für mich an der Grenze, aber konnte daran lang balancieren 😉

    Da ich keine fachkundige Meinung zum Thema abgeben kann, nur soviel:
    Is das hinterhältige Absicht, dass sich praktisch Dein ganzer Artikel zum WPP um Nachbearbeiten ok/ nicht ok/ wieviel ja/nein dreht,
    sprich, Du dem geneigten Leser garkeine Wahl läßt als mit dieser Brille die Bilder zu betrachten, um Dir folgen zu können, um dann mit dem letzten Satz den „moralischen Zeigefinger“ zu heben?
    Muss zugeben, hatte n ziemliches Reingelegt-Gefühl..
    Aber vielleicht is das ja nur PMS-oderso-bedingt 😉

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