88. Oscarverleihung

Was ich in der Berichterstattung über die Oscarverleihung nie wieder lesen möchte: "Unser Mann in Hollywood"
Was ich bei der Berichterstattung über die Oscarverleihung nie wieder lesen möchte:
„Unser Mann in Hollywood“

Ich bin schockiert, dass offenbar noch keiner auf das mittelmäßige Wortspiel kam, aus dem Slogan der diesjährigen Verleihung “We all dream in gold” ein “We all dream in white” zu machen.
Diese Zeilen werden veröffentlicht, während die 88. Oscarverleihung gerade läuft, ich schreibe das also, bevor wir wissen, wer was gewonnen hat. Allerdings können wir sicher sein, und das war auch das große Thema im Vorfeld des Events, der Oscar für den besten Hauptdarsteller wird an einen weißen Mann gehen. Beste Hauptdarstellerin? Weiße Frau. Passend wird als beste Nebendarstellerin eine weiße Frau ausgezeichnet werden. Keine Überraschung beim besten Nebendarsteller, weißer Mann, gegebenenfalls sogar Sylvester Stallone, was ich neben aller Rassismusdiskussion sehr verstörend fände.
Der beste Film wird generell sehr weiß sein, soll vor allem heißen, dass es Straight Outta Compton nicht sein wird. Immerhin werden dessen vier weiße Drehbuchschreiber eine Chance auf das beste Originaldrehbuch haben.
Die größte Abwechslung gibt es bei der besten Regie, einer der fünf nominierten Regisseure ist aus Mexiko. Immerhin wird keine Frau gewinnen, das relativiert die Diversität doch ein wenig.

"Stars und Sternchen"
„Stars und Sternchen“

Die Farblosigkeit der Nominierungen wurde intensiv diskutiert. Viel mehr als die gewöhnlichen Prognosen, war effektive Ausschluss von schwarzen Schauspielern das Thema der Berichterstattung. Und wie zu erwarten, ist dies ein polarisierenden Thema mit sehr verschiedenen Meinungen. Schnell gab es die unvermeidlichen Statistiken, die zeigen, wie hoch der Anteil von schwarzen, asiatischen, lateinamerikanischen Leuten an der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung ist, und den Ansatz, diese Quote auf die Oscarnominierungen umzulegen. Diese Strategie provoziert natürlich eine Gegenargumentation, dass man dann ja gleich passend zur Quote die Auszeichnungen herschenken könne, dass es dann auf die jeweilige Leistung gar nicht ankäme. Was natürlich in den USA, wo competitiveness ja quasi teil der gemeinschaftlichen DNA ist, selbst den dort Linkesten suspekt vorkommt.

"Leonardo DiCaprio&quot:
„Leonardo DiCaprio hat wieder nicht gewonnen“

Mit so einer schwarz-weißen Sichtweise kommt man ja zu nichts, daher differenzierter.
Der Oscar geht ja weder an den erfolgreichsten Film eines Kinojahres, noch an einen von den Kritiken als den besten Film eingeschätzten Film, sondern an den Film, der einer Jury von knapp 6000 Personen am besten gefallen hat. Oder von dessen Produzenten sich die Mehrheit der 6000 Personen hat bestechen lassen, aber das ist ein anderes Thema.
Die jurierenden 6000 sind Clubmitglieder, die hauptberuflich irgendwie beim Film arbeiten. Vor allem Schauspieler, aber auch Kameraleute, Beleuchtung, Ton, Make Up und so weiter. Diese 6000 sind nicht veröffentlicht, aber nach einer 2012er Statistik sind 94 % davon weiß, 77 % sind Männer, da liegt die Schlussfolgerung nah, dass eine Gruppe von weißen Männern natürlich nur weiße Männer für begehrte Preise auswählt. Oder notgedrungen auch weiße Frauen, wenn die Kategorien “Beste Haupt- und Nebendarstellerin” es erforderlich machen. Immerhin, bei den “kleinen” Kategorien wie Kostüm und Make Up sind Frauen offenbar auch wählbar.
Und genau an der Stelle soll jetzt die Lösung für die unausgeglichen weiße Auswahl der Nominierungen angesetzt werden – die Jury soll diverser zusammengestellt werden, mit mehr Frauen, Schwarzen, Latinos und Asiaten. So soll sichergestellt werden, dass die Quotierung der auswählenden Personen eine Entsprechung des Kinopublikums ist.

Ich bin mir aber gar nicht sicher, dass das viel ändern sollte. Ich finde die Unterstellung, dass ein weißer Juror ausschließlich weiße Männer in Filmen gut findet, und dass sich auch das Kinopublikum nur mit der eigenen Rasse und dem eigenen Geschlecht zurechtfindet, klingt einleuchtend – aber ist meiner Meinung nach nicht zutreffend.
Hinter zehn Filmen, die irgendwie menschliche Antagonisten haben, ist Shrek 2 der finanziell elfterfolgreichste Film aller Zeiten in den USA. Ich wage zu bezweifeln, dass viele Oger die Einnahmen an den Kinokassen klingeln ließen. Also scheint es doch die menschliche Fähigkeit zu geben, einen Film gut zu finden, obwohl der Hauptdarsteller nicht der eigenen Rasse und dem eigenen Geschlecht entspricht. Wenn sich Millionen von Kinogängern mit einer grünen, computeranimierten Figur identifizieren können, warum dann nicht mit einem Menschen mit anderer Hautfarbe?

Ob es also hilft, als Maßnahme die Jury heterogener zu besetzen, mit dem Ziel, dass die Demographie des Auswahlkomitees der der gesamten Kinogänger in den USA entspricht?
Ich hoffe eigentlich, dass diese Maßnahme nichts bringt. Ein Erfolg würde ja nur bestätigen, dass selbst professionelle Filmschaffende nur das gut finden, was zu ihrem Geschlecht, Ihrer Hautfarbe und Herkunft passt – und das fände ich ziemlich peinlich. Und außerdem ist das natürlich ein sehr nationaler Ansatz, der internationale Kinogänger wäre dann ja im Umkehrschluss egal.
Überhaupt wäre es doch merkwürdig, wenn die Oscar-Jury farbenfroh besetzt würde, während die überragende Mehrheit der in Hollywood produzierten Filme doch schneeweiß daherkommt.

"Auf dem roten Teppich" Übrigens, Fotos haben nichts mit dem Thema zu tun, bitte nicht nach Sinn suchen.
„Auf dem roten Teppich“
Übrigens, Fotos haben nichts mit dem Thema zu tun, bitte nicht nach Sinn suchen.

Neben Straight Outta Compton war Beasts of No Nation mit Idris Elba in Nebenrolle der Film, dessen Fehlen bei den Nominierungen kritisiert wurde. Neben der ausschließlich schwarzen Besetzung, die inkompatibel zur Juryzusammensetzung sein soll, bleibt mir unklar, ob der Film überhaupt bei der Oscarauswahl berücksichtigt werden könnte. Die Regeln dafür erscheinen mir relativ komplex, ein Film muss soundsolang in den amerikanischen Kinos gelaufen sein, um nominiert werden zu dürfen. Beasts of No Nation kam nur sehr eingeschränkt in den Kinos, dafür kam er gleichzeitig auf Netflix raus. Ich finde die Frage interessant, ob Filme, deren Verleih von streaming services wie Netflix übernommen werden, für den Oscar berücksichtigt werden dürfen. Denn ist das derzeit vor allem ein Modell für Serien, aber zukünftig wird es sicher zunehmend Filme geben, die trotz Onlinepremiere qualitativ gut genug sind, um der bis dann farbenfrohen Jury gut genug zu gefallen, um eine Nominierung zu bekommen.
Bis dahin kann sich dann ohnehin keiner mehr über irgendwelche rassistisch motivierten Entscheidungen beschweren, schließlich durfte uns Chris Rock ja schon mehrfach bei der Verleihungszeremonie unterhalten. Diese Begründung gab es allerdings vor 50 Jahren auch schon.

Links aus dem Artikel nochmal zum weiterlesen:
Statistik zum Thema Film und Rasse
Zusammensetzung der Jury 2012
Finanziell erfolgreichste Filme aller Zeiten
Hollywood whitewashing
Entertainment vor 50 Jahren

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Ein Gedanke zu „88. Oscarverleihung

  1. Ich glaube, Du hast recht, sowohl mit dem Zweifel an „Weiße nominieren nur Weiße“ als auch ob Beasts überhaupt nominierbar war.
    Hat Chris Rock vielleicht auch recht mit „We want opportunities“, haben Weiße mehr Chancen auf gute Rollen, Gelder von Produzenten für gute Filme?
    Ist die Statistik -bei 70 von 88 Oscarverleihungen wurden keine Schwarzen nominiert- so (einfach) zu erklären?
    Ich weiß es nicht, bezweifle es aber, so oder so.

    PS @Horst:
    die Kommentar-Checkbox is jetz zwar wieder da, aber funktioniert nicht, ich krieg keine einzige Benachrichtigungsmail.

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