World Press Photo of the Year 2015

Was stell ich denn für Fotos zu diesem Thema ein? Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, meine Bilder hätten etwas mit dem World Press Photo zu tun.
Was stell ich denn für Fotos zu diesem Thema ein? Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, meine Bilder hätten etwas mit dem World Press Photo zu tun.

Für mich ist die Bekanntgabe des World Press Photo of the Year immer eine große Sache, und endlich ist wieder ein Jahr herum – seit 18. Februar wissen wir, was das Weltpressefoto des Jahres 2015 ist.
Für diejenigen, die zu bequem sind, dem Link oben zu folgen: World Press Photo ist eine gemeinnützige Stiftung, die seit 1955 das Weltpressefoto des Jahres durch eine Jury auswählt und auszeichnet. Diese Dekorierung gilt als höchste Würdigung im Fotojournalismus, die Liste enthält so gut wie alle Reportagefotografien, die sich in unser kollektives Gedächtnis der letzten 60 Jahre eingebrannt haben.
Neben meinem Interesse am Thema Fotojournalismus, dem ich sicher noch einen eigenen Artikel widmen werde ist die fast ununterbrochene Kontinuität noch mehr als bei den schon mehrfach angesprochenen James-Bond-Filmen eine Gelegenheit, Zeitgeist und gesellschaftliches Interesse am Verlauf der Weltpressefotos der jeweiligen Jahre abzulesen. Und dies sowohl bezogen auf die Sujets der ausgezeichneten Bilder, als auch auf den stilistischen Wandel im Laufe der Zeit. Und gerade das zweite ist ein großes Thema der letzten Jahre gewesen.

Mein Lösung: Pressefotos sind Bilder als Ergänzung des geschriebenen, um mich davon abzugrenzen, nehme ich Bilder von Geschriebenem.
Mein Lösung: Pressefotos sind Bilder als Ergänzung des Geschriebenen, um mich davon abzugrenzen, nehme ich Bilder von Geschriebenem.

Während das Dauerdiskussionsthema bei Reportagefotografien für gewöhnlich die Ethik des Themas war, explodierte nach der Auswahl des Photo of the Year 2012 eine sich schon lange anbahnende Auseinandersetzung zu der Frage, wann ein Foto noch ein Foto ist. Das Anfang 2013 für das Vorjahr ausgezeichnete Foto ist einem Maße nachbearbeitet, dass es fast schon einem Gemälde gleicht – und die Überlegung provoziert, was es ist, das Fotojournalismus ausmacht. Geht es um eine gutes Foto oder um eine wahrheitsgetreue Dokumentation? Kann ein ein Bild – das so lange in Photoshop editiert wurde, dass es überall perfekt ausgeleuchtet ist, dass alle Personen perfekten Teint haben, dass alles im Bild aussieht, als sei es inszeniert – überhaupt als Reportagefotografie dienen oder ist dies per se mehr Kunst als Journalismus? Kann es Fotojournalismus überhaupt in Photoshop und CGI noch geben? Romantisieren wir die Vergangenheit, in der wir alle Pressefotografen zu Heroen stilisieren, die in Lebensgefahr durch Kugelhagel robbten, um mit einem in seiner Imperfektion perfekten Bild unsere Aufmerksamkeit auf ein unangenehmes Thema zu lenken? Und auch stilistisch, soll ein Foto aus einem Krisengebiet überhaupt so gut aussehen?

"Jeder Star, Ich jetzt" wäre ein guter Name für ein medienkritisches Buch.  Keine Ahnung, was auf der vollständigen Werbung stand.
„Jeder Star, Ich jetzt“ wäre ein guter Name für ein medienkritisches Buch. Keine Ahnung, was auf der vollständigen Werbung stand.

Die letzte der Fragen kann jeder ja für sich selbst beantworten. Mir selbst gefallen überschärfte, super ausgeleuchtete, sauber aussehende Fotos generell nicht gut – und gerade im Zusammenhang mit einer Berichterstattung aus einem Unruhegebiet halte ich das stilistisch für nicht passend. Aber das ist halt Geschmackssache, ich mag auch kein HDR mit allen Reglern auf 11, die Sehgewohnheiten der Allgemeinheit scheinen da zu differieren, sonst wäre Trey Ratcliff nicht so erfolgreich.
Es ist sicher eine normale Entwicklung, durch die Durchsetzung der digitalen Bildbearbeitung und deren Weiterentwicklung bieten sich plötzlich neue Möglichkeiten, die es vorher noch nicht gab. Und es wäre ja blöd, diese nicht zu benutzen. Und klar, neue looks reizen und prägen die Sehgewohnheiten, und so bewertet das Publikum dann auch ein Foto nach seiner Schärfe, Farbenfreude und Perfektion, weil dies die sich entwickelnden Trends der letzten Jahre waren. Aber wie bei jedem Trend folgt ein Gegentrend. Jetzt, da jeder mit einer billigen Kamera und ein bisschen Bildbearbeitung ein better-than-real-life-Bild zusammenbauen kann, floriert eine Gegenkultur, die das ruppige, unschärfe und körnige Foto der Vergangenheit verehrt. Daher wäre meine Einschätzung, dass ganz von allein Fotos wie das unrühmliche Gemälde von Paul Hansen aus dem Wettbewerb verschwinden würden, ganz ohne Gegenmaßnahmen, weil sich die Jury an zu hübschen Fotos sattgesehen hat.

Ich finde, das "cheap" ist ein wenig zurückhaltend in der Reihung.
Ich finde, das „cheap“ ist ein wenig zurückhaltend in der Reihung.

Nach dem Aufschrei über das zu perfekte Foto des Jahres 2012 gab es dann letztes Jahr noch elementarere Probleme beim Weltpressefotowettbewerb, da eine hohe Anzahl von Teilnehmern – unter anderem auch der Gewinner einer Kategorie disqualifiziert wurden, weil die Bilder so weit editiert waren, dass sie als nicht mehr wahrheitsgetreu qualifiziert wurden. Und das natürlich war ein Problem, was jedem nachvollziehbar war. Und recht schnell wurde auch da das allmächtige Photoshop als Ursache festgelegt. Das editieren von Bildern, um etwas anderes als die Realität darzustellen, nennt man ja schließlich sogar photoshoppen…
Aber das finde ich zu kurz gegriffen, schließlich gab es auch in analogen Zeiten Bildbearbeitung. Und das nicht zu knapp. Wenn man sich die Zwischenarbeitsschritte berühmter Bilder etablierter Fotografinnen und Fotografen ansieht, fällt auf, dass das aufgenommene Negativ nur der Anfang für die Arbeit am gewünschten Bild war. Und festzulegen, wann eine Bildbearbeitung nur dient, damit das Bild besser aussieht, und ab welchem Zeitpunkt das Bild durch das Editieren einen anderen Inhalt bekommt, ist schwierig bis unmöglich.
Selbst die berühmten Bilder des Gottes der ungestellten Fotografie, Henri Cartier-Bresson, sind so beschnitten und bewedelt worden, dass sie gefielen und stellen trotz ihrer unscharfen-grobkörnigen Spontanität genauso das Ergebnis von gezielter Bearbeitung dar, wie das Gazastreifengemälde von 2012.
Aber passend zu dieser Diskussion des letzten Jahres kam dann die Trendwende im echten Leben, als mit Reuters eine der richtig großen Nachrichtenagenturen die Regeln für ihren Anspruch an Fotografien änderte.
Auch hier ein paar erklärende Vorworte die nonaficionados: Als Fotografienoob nimmt man – verkürzt dargestellt – seine Bilder als jpeg auf. Das ist dann eine handliche, anschaubare Bilddatei, die man ganz toll bei Facebook hochladen oder bei der Familie auf dem neuen Fernseher zeigen kann. Im Gegensatz dazu, als Profifotograf speichert man seine Fotos als raw. Das sind die aufgenommenen Rohdaten, die kann man zwar nicht so einfach anschauen, dafür lassen sie extrem viele Möglichkeiten für die Nachbearbeitung. Und da Nachbearbeitung in digital wie auch schon zuvor in analog ein Großteil des Fotos ausmacht, ist raw das dedizierte Profiformat.
Und genau das wollte Reuters nicht mehr. Freischaffende Fotojournalisten dürfen jetzt ihre Bilder nur noch in der Form von als jpegs aufgenommenen Dateien abgeben. Das heißt, die Profis müssen aufnehmen, wie der oben beschriebene Fotografienoob. Reuters verspricht sich davon, dass die Bearbeitungszeit zwischen Aufnahme und Veröffentlichung deutlich kürzer ausfällt – und dass die weniger bearbeiteten Fotos mehr Kredibilität haben.

Das Geschäft dazu war schon lange geschlossen. Ich wüsste gar nicht, wo ich heute Därme kaufen  könnte, wenn ich welche bräuchte.
Das Geschäft dazu war schon lange geschlossen. Ich wüsste gar nicht, wo ich heute Därme kaufen könnte, wenn ich welche bräuchte.

Als diese Dinge zielen in die gleiche Richtung, Pressefotografie soll wahrheitsgetreuer, weniger hochglänzend, näher an den jetzt idealisierten Gegebenheiten vergangener Tage sein. Und diese Bewegung kulminiert in der Auswahl des World Press Photos 2015. Der jetzt gekürte Gewinnerbeitrag von Warren Richardson zur Flüchtlingskrise ist ein unscharfes, grobkörniges, nachts aufgenommenes Foto, was wie der pixelgewordene Wunsch nach mehr Glaubwürdigkeit, Nähe und Realismus aussieht. Damit sollten die Diskussionen der letzten Jahre verstummen, denn dieses Bild sollte alle kritischen Stimmen verstummen lassen.
Schade nur, dass man gar nicht mehr so richtig auf den Inhalt des Bildes achtet, während man schaut, ob das Bild in angemessenen Maße nachgearbeitet wurde…

Filme 2016

Kino
Fun fact 1: Kodak hatte vier Millionen pro Jahr gezahlt, nur damit der Ort der Oscarverleihung nach ihnen benannt war.

3. Oktober 2013. An diesem Tag war ich zuletzt im Kino. Als Horst “Filme 2016” als Thema für den nächsten Artikel ansagte, wurde mir bewusst, wie wenig Bezug ich zum Thema habe. Natürlich habe ich seit dem aktuelle Filme gesehen, schließlich laufen die gefühlte zwei Wochen nach dem Kinostart schon bei Vudu, Netflix, Amazon, … Aber in meiner sehr subjektiven Vorstellung kamen seit dem 3. Oktober 2013 tausende von Filmen heraus, und die Hälfte davon davon waren Fortsetzungen von Iron Man oder CGI-Kinderfilme. Mit Fortsetzung von Iron Man meine ich im Zweifel sicher all die Comicverfilmungen, die zwar im gleichen Universum spielen, mit den gleichen Akteuren, der gleichen storyline, aber etwas ganz, ganz anderes sind. Daher meine Entschuldigung an die connaisseure.

Kino
Fun fact 2: Die Anzahl der Kinos in Deutschland schrumpft stetig seit über zehn Jahren.

Remember (Startet in den US am 12. Februar, hier weiß ich gar nicht)

Christopher Plummer (dessen Filmographie so divers ist, als wäre sie von einem Zufallsgenerator erstellt worden) als demenzkranker Auschwitzüberlebender, der den für den Tod seiner Familie verantwortlichen Nazi sucht, um ihn zu ermorden.
Nur anhand der story wüsste ich nicht, ob das ein sehr ernster Film oder ein tragischkomischer roadmovie sein wird, der trailer wirkt auf jeden Fall eher getragen.

Um die verpasste Zeit zu überbrücken, habe ich mir mal die Listen der erfolgreichsten Filme der Zwischenjahre angeschaut. Das Jahr 2014 sah im Kino so aus:

  1. Transformers: Age of Extinction
  2. The Hobbit: The Battle of the Five Armies
  3. Guardians of the Galaxy
  4. Maleficent
  5. The Hunger Games: Mockingjay – Part 1
  6. X-Men: Days of Future Past
  7. Captain America: The Winter Soldier
  8. Dawn of the Planet of the Apes
  9. The Amazing Spider-Man 2
  10. Interstellar

Da waren ja gerade mal neun von zehn Filmen Fortsetzungen oder (Neu-)Verfilmungen von bestehendem Content, was für ein innovatives Kinojahr! So sehr Interstellar von 2001: A Space Odyssey und dem Inhalt vorangegangener Nolanfilme inspiriert war, dieser Film war das originelle Highlight dieser Top 10.

2015 war ganz ähnlich:

  1. Jurassic World
  2. Star Wars: The Force Awakens
  3. Furious 7
  4. Avengers: Age of Ultron
  5. Minions
  6. Spectre
  7. Inside Out
  8. Mission: Impossible – Rogue Nation
  9. The Hunger Games: Mockingjay – Part 2
  10. The Martian

Bei Martian als alleinstehender Buchadaption könnte ich ja noch ein Auge zudrücken, aber so richtig neu war nur Inside Out, ein Disney-CGI-Film.

Auch die Anzahl der Kinostandorte befindet sich im freien Fall, das Dorfkino stirbt aus.
Fun fact 3: Die Anzahl der Leinwände dagegen steigt mittlerweile wieder an, soll heißen: Kleine Kinos sterben aus, Multiplexe halten sich.

Valencia (11. März)

Das setting schreit geradezu “low budget”. Frau wird nach Unfall in einem kleinen Kellerraum festgehalten. Mir ist der Film nur aufgefallen, weil er von Dan Trachtenberg ist, der mir aus dem lange nicht mehr laufenden podcast “Totally Rad Show” noch gut in Erinnerung ist. Damals war er ein Typ, der gern Filme machen würde, jetzt ist er ein Typ, der Filme macht. So beruhigend linear kann das Leben doch sein.
Trailer hab ich nicht, dafür einen Kurzfilm von Dan Trachtenberg, auch mit Frau im Keller.

Ich schließe aus den Kinocharts der letzten zwei Jahre, dass sich ein Großteil der Kinogängerschaft derzeit vor allem nach Sicherheit am Kinoabend sehnt. Man will wohl gewohnte Gesichter sehen und duldet Überraschung nur im vorher angesagten Rahmen.
Mich erinnert diese aktuelle Monokultur an die Hollywood-Kinolandschaft der 50er und frühen 60er Jahre. Auch da gab es fast ausschließlich formelhafte Filme in einem Baukastensystem mit den immer wieder gleichen Themen, Darstellern, Produktionen. Statt der Wahl zwischen romantischer Komödie und romatischer Schnulze darf jetzt zwischen Fantasy und SciFi gewählt werden.
Allerdings war Filme machen damals noch ein aufwändiges Unterfangen, so gab es nur ein Monopol von wenigen Studios, die den Markt dominierten. Zwar ist das gerade ähnlich, nur wenige Studios machen die ganz großen Sachen, daneben gibt es jetzt aber eine unüberschaubare Fülle an anderen Produktionen. Es liegt also gerade nicht am mangelnden Angebot. Obwohl im Nachbarkino ein “richtiger Film” lief, gaben Kinobesucher im Jahr 2014 ganz willentlich eine Milliarde Dollar aus, um einen weiteren Teil des Filmremakes einer Fernsehserie zu schauen, die wiederum als Marketingvehikel für Kinderspielzeug lief.
Vielleicht ja ist das genau der Punkt: Was gerade im Kino passiert, ist vielleicht der ultimative Sieg des Fernsehens über das Kino, der Serie über den Film. Die heimelige Vertrautheit, dass Inspector Columbo auch dieses Mal den Mörder findet, hat man jetzt auch im Kino, wenn ein mir nicht bekannter Superheld wieder die Welt rettet. Einziger Unterschied ist, dass man dabei nicht auf der eigenen Couch, sondern in einem Sessel, in den zuvor jemand anders gepupst hat, sitzt. Das passt ja auch ganz gut zur Diskussion, ob Kino seit digitaler Projektion nur noch “TV in public” ist.

Die Anzahl der Kinos in Deutschland schrumpft stetig seit über zehn Jahren.
Fun fact 4: Auch die Anzahl der Kinostandorte befindet sich im freien Fall, das kleine Dorfkino verschwindet.

The Nice Guys (20. Mai)

So very 70s! Und lustige Bärte! Der Film sieht mir zu blöd aus, um auch nur darüber nachzudenken, ob man dafür Geld ausgeben sollte. Ich habe ihn eigentlich nur herausgesucht, um zuzuschauen, wie sehr Russel Crowe und Kim Basinger seit L.A. Confidental gealtert sind.

Serien in Filmform gibt es ja schon immer. Und auch Verfilmungen von Büchern, geschriebenen wie gezeichneten, sind ja auch kein momentanes Phänomen. Ich finde auch einen gewissen Anteil von sicheren Inseln im Meer der Neuerscheinungen durchaus angenehm. Jedoch die aktuell so überwältigende Dominanz vom Gewohnten im Kino diesen verschreckt mich.
Da war ich nun zwei Jahre lang nicht im Kino und lese auch nur wenig zu herauskommenden Filmen, trotzdem traue ich mir zu, für zwei Drittel der Filmplakate am nächsten Mehrsaal-Kettenkino Inhalt und Ende des Films weitgehend korrekt beschreiben zu können.
Glücklicherweise ist ja am Ende des Tunnels immer Licht, auch in den 60ern starben die öden studio systems Filme aus und es folgte eine Phase, in der sich Filme mit revolutionär neuen Ideen überbieten wollten. Das lässt mich hoffen, dass irgendwann auch anderen die gerade erfolgreichen media franchises zu fad sind und sie im Kino in einen Film gehen, bei dem sie noch nicht genau wissen, was sie erwartet.
Ich habe aus der großen Liste der Filme, die 2016 herauskommen, eine handvoll herausgepickt, die auf den ersten und zweiten Blick nicht nach einem Teil einer Serie, einer cross promotion, einer Verfilmung eines comics aussehen. Wobei die Grenzen schwimmend sind, Hail, Caesar! zum Beispiel ist von Idee bis Umsetzung Werk der Coen-Brüder, wirkt aber so sehr wie deren bisherige Filme, dass ich ihn wegen vermutlich mangelnder Innovativität rausließ, obwohl er bestimmt sehr unterhaltsam sein wird.
Insgesamt habe ich mich sehr schwer getan, selbst nach dem Studium einer Liste der 50 most anticipated films of 2016 war gar keiner dabei, den ich wirklich gern sehen wollen würde.
Daher ist es ja gar nicht unpassend, dass ich nicht ins Kino gehe.

Wer liest 2016 überhaupt noch Blogs?

So ist 2016. Da starrt der Restaurantbesucher auf sein Handy, statt die obskure Gottheit über sich wahrzunehmen.
So ist 2016. Da starrt der Restaurantbesucher auf sein Handy, statt die obskure Gottheit über sich wahrzunehmen.

Das habe ich mir selbst eingebrockt, ich habe Horst vorgeschlagen, für ein Horst working Revival etwas zum Thema “Wer liest 2016 überhaupt noch Blogs?” zu schreiben.

Um diesen Artikel anzufangen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Vielleicht mit einer Statistik?

Um zunächst nachzuschauen, wie viele Leute noch Blogs lesen, googlete ich “top ranking blogs” und stieß auf die übliche Statistik bei Alexa oder ähnlichem, die die Top 20 oder 15 Blogs auflistete, nebst der monatlichen unique page impressions.
Allerdings überrollte da die Huffington Post alles andere, hat allein so viele Zugriffe wie die Plätze zwei bis fünf kombiniert. Und in meinem Weltbild ist die Huffngton Post gar kein Blog, sondern eine Onlinezeitung oder – zeitschrift. In Deutschland ist die Huff sogar nur eine Alternativ-URL für Focus Online. Also quasi, gegebenenfalls ich habe das etwas vereinfacht aufgefasst. Aber auch die weiteren Plätze sind nicht das, was ich mir unter einem Blog vorstelle, vielmehr diverse Onlineangebote deren Blogcharakter nur davon kommt, dass halt hintereinander weg Content gepostet wird.
Der Start in den Artikel mit einer Statistik fällt also aus, denn so richtig die Blogcharts auch sein mögen, sie passen nicht zu meiner Vorstellung zum Thema Blog.

Um den Rahmen dieses Begriffs zu umreißen, könnte ich ja auch mit einer Definition anfangen.

Das oder auch der Blog /blɔg/ oder auch Weblog /ˈwɛb.lɔg/ (Wortkreuzung aus engl. Web und Log für Logbuch) ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Blogger, international auch Weblogger genannt, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert („postet“) oder Gedanken niederschreibt.
(von Wikipedia)

Aber ganz ehrlich? Mit einer Definition anzufangen, klingt nach dem quälenden Vortrag einer Mitschülerin, den man sich an einem Donnerstag Nachmittag, in der siebten oder achten Stunde, im Rahmen des Wahlpflichtfachs “Wirtschaft und Soziales” zum Thema Cournotscher Punkt in der elften Klasse anhören musste. Da hat die stets motivierte Marlene das so schwierig klingende Thema mit einer Definition begonnen, damit auch die Verständnisherausgeforderten in der Klasse gleich wissen, worum es in den nächsten dreißig Minuten gehen würde.
Allerdings – und daran erkennt man, dass ich die Zeit, seit dem ich an jenem imaginären Donnerstag Nachmittag die Definition des Cournotschen Punktes rezitiert bekam, in Jahrzehnten und nicht mehr in Jahren zählen kann – hätte die imaginäre Marlene damals nicht Wikipedia, sondern die lokale Bibliothek für die Definition bemüht. Ich gehe sogar davon aus, dass es in einer heutigen elften Klasse gerade die verständnisherausgeforderten Mitschüler sind, die halbherzig aus Wikipedia kopieren.
Daher scheidet eine Definition als Start in den Artikel auch aus, schließlich will ich ja nicht als fauler Elftklässler rüberkommen.

Die dritte Möglichkeit, und damit das Ende meines Skillsets, routiniert in ein Thema zu führen, wäre eine eigene Anekdote, eine Erzählung mit persönlichem Bezug.
Ich war spät zur Blogparty, ganz einfach in Ermangelung an Internet. Bis Anfang der 2000er gab es Internet für mich nur da, wo man eine Mark pro Stunde Surfen an einem altersschwachen PC bezahlte, während sich im Nachbarraum eine Gruppe nach Schweiß und Red Bull riechender junger Herren Counterstrike spielte. Und für eine Mark die Stunde hatte ich keine Lust darauf, die wenig mitreißenden Erlebnisse eines Regaleinräumers bei Lidl zu lesen. Dies war nach meinem damaligen Verständnis nämlich das, was Blogs ausmachte. Vor allem, weil ich mal beim Durchschalten einen 2-Minuten-Beitrag bei RTL regional gesehen hatte, der vom großen Erfolg des Weblogs eines Lidl-Regaleinräumers berichtete. Das muss wirklich schon lange her sein, da ich noch nicht resigniert hatte, Fernsehen zu schauen.
Und so bildete sich meine Meinung zu Blogs – unangemessen lange Abhandlungen zu irrelevanten Themen. Und tatsächlich, so falsch ist das ja gar nicht. Denn war es vor allem die Irrelevanz der Themen, wegen derer ich mich später zu diversen Blogs hingezogen fühlte.
Während in Zeitungen und Fernsehen inklusive deren jeweiliger Onlinedependanzen die gleiche Meldung eines Nachrichtendienst roboterartig wiederholt wurde, fand ich in Blogs Artikel, die mich abseits der aktuellen Schlagzeilen interessierten. Endlich konnte ich etwas zu mechanischen Uhren lesen, ohne eine ganze Zeitschrift voller widerlicher Luxusspielzeuge für den Herrn kaufen zu müssen. Das Thema mechanischer Uhren lässt sich mit quasi jedem anderen Auswechseln.
Auch die Darreichungsform war oft weniger effekt- und damit klickheischend, alles war ruhiger und ausführlicher. Gutes, übersichtliches Layout mit klarer Grenze zwischen Content und dem drumherum, weiterführende Links, die immer Sinn machten. Ein gutes Blog wirkte nüchterner und ernsthafter als das typische Newsportal jedes Medienkonzern.

Bahnhöfe und Züge sind ja immer eine schöne Illustration für "Wie sich die Zeiten ändern"-Geheule.
Bahnhöfe und Züge sind ja immer eine schöne Illustration für „Wie sich die Zeiten ändern“-Geheule.

Aber wer liest nun 2016 noch Blogs? Wenn ich ganz genau bin, folge ich mittlerweile nur noch sehr wenigen Blogs, ich könnte sie vermutlich an den Fingern abzählen, und ich folge diesen nur sehr halbherzig. Vielleicht liegt das an der Funktion, die sie für ich haben.
In meiner Vorstellung waren Blogs für eine Weile so etwas wie eine Zeitung ohne den Mittelsmann. Mein naives, filmbeeinflusstes Weltbild stellt sich den Weg zum Zeitungsartikel so vor:
Der dynamische Reporter, der übrigens einen Hut trägt, bekommt den Auftrag, etwas zum Thema XY zu schreiben. “1000 Wörter bis Redaktionsschluss.”. Daraufhin schnappt er sich seinen Notizblock und los geht die Recherche, deren Ergebnis er mit seiner Meinung zu 1000 schmissigen Wörtern verschmilzt. Diese gibt er dann just in time in seiner Redaktion ab, die den Artikel nicht mag und stattdessen was anderes druckt.
Und ein Blog wäre dann das gleiche, nur ohne die Redaktion dazwischen. Ich selbst bin die Redaktion, weil ich zwischen gefühlt nie versiegenden Quellen wählen kann, was ich lesen möchte.
Aber wie so oft, wenn man denkt, jeder könne das mal machen, was sonst dafür trainierte Personen im Rahmen ihrer Arbeit abliefern, ist das Ergebnis zwar ähnlich, aber in den meisten Fällen halt dilettantisch. Dieser Artikel ist ein gutes Beispiel dafür, meine Recherche waren eine Google-Anfrage und einmal copy and paste aus Wikipedia, der Rest ist unqualifiziertes Gelabere. Wobei das hier auch ein sehr ausgeprägtes Beispiel für einen schlechten Artikel ist.
Aber selbst die guten Blogs, die ich lese, erreichen für mich eher selten die Qualität eines guten Zeitungsartikels, auch, wenn ich mich thematisch einfacher in der Vielzahl von Blogs als in Zeitungen zu Hause fühle. Häufig beschleicht mich das Gefühl, dass ich am Ende eines Blogartikels zwar die Meinung der Autorin, des Autors gut kenne, aber nicht wirklich viel zum Thema des Posts gelernt habe. Das ist vollkommen in Ordnung, aber bedeutet auch, dass ich meinen naiven Glaube an Graswurzeljournalismus in Form von Blogs verloren habe. Das Pendant in Zeitungen ist dann nur eine Glosse, jedenfalls bei den Sachen, die ich lese.
Irgendwie beschleicht mich ohnehin das Gefühl, das ernstzunehmende Blogger ohnehin nur Buchautoren sind, die noch bei keinem Verlag untergekommen sind. Oder Fotografen ohne Agentur. Oder Motivationscoaches ohne Vortragsreihenveranstalter. Also Personen, die das, was sie eigentlich machen wollen, (noch) nicht machen können und in der Wartezeit Blogzeilen füllen.

Alle Fotos in diesem Artikel sind auf Film aufgenommen, um die Vergänglichkeit des Themas widerzuspiegeln oder so.
Alle Fotos in diesem Artikel sind auf Film aufgenommen, um die Vergänglichkeit des Themas widerzuspiegeln oder so.

Wenn nicht Zeitungsersatz, dann das Blog als reines Unterhaltungsmedium? In diesem Bereich ist die Konkurrenz beinahe grenzenlos. Bücher, Magazine, Spiele, Videos, Podcasts, Hörbücher oder sogar mal rausgehen… Und außerdem heißt es ja immer, dass sich unser Contentkonsumverhalten verändert hat und wir alle gar nicht mehr in der Lage sind, so lange Inhalte wie die ausführlichen Geschichten des Regaleinräumers zu schauen. Entertainment findet heute meist auf einem sechs mal zehn Zentimeter großen Display statt und sollte möglichst nicht mehrere Minuten dauern.
Auf mich trifft das zu, bis auf schnelles auf-dem-Telefon-lesen in den zehn-Minuten-Pausen des wohlgeplanten Alltags bleiben mir wenig Möglichkeiten, Blogs zu lesen. Es wäre interessant zu wissen, ob wir nur noch kleine Infohäppchen vertragen, weil wir doof geworden sind; oder ob wir doof geworden sind, weil wir nur noch kleine Infohäppchen bekommen.
Auch die Darreichungsform von Blogs allgemein finde ich unästhetisch. Eigentlich hatte ich mal gedacht, das Blogs mit RSS als Verteilungsform perfekt wären, um so etwas wie eine individuelle elektronische Zeitschrift zu füllen, bei der es dann ein Vergnügen ist, durch die eigenen Lieblingsthemen zu blättern. Aber spätestens Blogs, die nur einen verkürzten Feed anbieten, um einen zum Werbebannerklicken auf die Seite zu locken, versauen diese Vision. Und ganz ehrlich, es ist 2016, jeder Toaster ist appfähig, ich bin nicht mehr bereit, irgendetwas längeres zu lesen, indem ich eine URL im Browser eingebe. Das ist Internet für Höhlentiere!
Deswegen schau ich mir nur noch Blogs mit vollem Feed in Feedly an, aber auch das ist weit vom gewünschten Blättern in einer Zeitschrift entfernt.
Lesen ist sowieso schwierig, wenn man keine Zeit hat. Youtubekanälen kann man auch nebenbei beim Kochen folgen, Podcasts hört man beim Putzen, Hörbücher sind super Begleiter beim Laufen. Aber zum Lesen braucht man halt viel Zeit und es geht nicht nebenbei.

Auch dieses Bild hat nichts mit dem Artikel zu tun, aber nun ist es auch egal.
Auch dieses Bild hat nichts mit dem Artikel zu tun, na und?

Zur Frage des Artikels, wer liest 2016 überhaupt noch Blogs? Ich bin es auf jeden Fall nicht.
Aber wenn Du bis hierher gelesen hast, Dich durch 1400 Wörter und vier Fotos gekämpft hast, scheint es auf jeden Fall noch eine Person zu geben, die 2016 noch Blogs liest.