Menstruationsbeschwerden

Wie Bienen und Blüten ein angemessener Erklärungsversuch sein sollten, konnte ich nie nachvollziehen.
Wie Bienen und Blüten ein angemessener Erklärungsversuch sein sollten, konnte ich nie nachvollziehen.

Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass Personen, die so viel jünger als ich sind, dass sie in den frühen Neunzigern noch keine Fernsehwerbungen sahen, nichts mit diesem Zitat anfangen können und mich stattdessen verstört anschauen, wenn ich darauf hinweise, dass irgendetwas eine Geschichte voller Missverständnisse ist. Spätestens, wenn ich ein erläuterndes “Ich meine die O.B.-Werbung” hinterherwerfe, lande ich auf der “creepy old guy”-Liste.
Glücklicherweise gibt es das Weltkulturerbe Youtube, um diese Wissensdefizite zu kompensieren.

Wie ironisch, dass gerade eine Tamponwerbung Menstruationsmissverständnisse annörgelte, wo doch eben jene Werbespots neben altertümlicher Literatur und den Ausführungen von Enrico Lange auf dem Schulhof der siebten Klasse größter Grund für Missverständnisse war. Für mich jedenfalls.
Denn die Annahme, dass menstruierende Frauen vor allem in hellen Sachen herumhüpfen oder diversen dekorativen Outdooraktivitäten nachgehen, so wie ich es häufig im Fernsehen sah, fand ich bisher im echten Leben noch unbestätigt. Auch die diskrete Menge blauer Flüssigkeit, die dem Anschein nach in der Hand abgegeben wird…
Stopp! Zu “Tamponwerbung ist doof” gibt es ausreichend Artikel im Internet. Das brauche ich nicht zu schreiben.

Gegebenenfalls hat dieses Bild etwas mit dem Thema des Artikels zu tun.
Gegebenenfalls hat dieses Bild etwas mit dem Thema des Artikels zu tun.

Da ich mich als Freund der übertriebenen Kritik von einem Thema mit “…beschwerden” trotzdem angezogen fühle, schreibe ich mal ganz unabhängig von bereits bestehender Tamponwerbungskritik weiter. Und da ich mich ja so gern in meinem eigenen Herumgemosere wälze, kommen erstmal meine Beschwerden.
Als “Menstruationsbeschwerden” als Themenwunsch in die nagelneue Wunschbox fand, ging ich davon aus, dass es mindestens halb als Scherzvorschlag gedacht war. Da ich quasi live bei der Vorschlagsidee dabei war, bin ich sogar ziemlich sicher, dass der Vorschlag von einem herausfordernden Lachen begleitet wurde, als er eingetippt wurde. Denn die Vorstellung ist natürlich witzig, wir würden über Menstruationsbeschwerden schreiben. Aber warum eigentlich?

Vielleicht ist die Vorstellung eines Beitrags zum Thema skurril, weil alles zum Thema Menstruation ein Nicht-Thema ist. Genau so schwer, wie sich die Produktionsfirma der O.B.-Werbung tut, die Periode anders als unfreiwillig komisch darzustellen, tun sich ja eigentlich alle Medien. Es gibt entweder die Entscheidung, dass man darüber nicht spricht, oder die offensive Taktik, stets begleitend darauf hinzuweisen, dass man trotz des Tabus darüber spricht. Mir gefällt beides nicht sonderlich. Beim stetigen Hinweis auf das Tabu, was man gerade bricht, manifestiert sich dieses weiter – allerdings mache ich ja gerade auch nichts anderes.
Zum Themenkomplex “Tabu Monatsblutung” gibt es ja mittlerweile erfrischend viele Untersuchungen und Erklärungsansätze. Da ich mich nicht für eine entscheiden will, hier drei gängige Versionen, bitte kreuzt die für Euch am sinnvollsten klingende Variante an:

  • Das Tabu ist ein Tabu, weil das männliche Meinungs- und Medienmonopol den weiblichen Körper und dessen exklusive Funktionen als suspekt empfindet, und seinen Berührungsängsten mit dem Thema nachgibt. So mischt sich Nichtkenntnis mit Furcht vor der Andersartigkeit und wir hören nichts mehr von Menstruation. Zwar sind gibt es mittlerweile einen Anteil von durch Frauen gesteuerte Medien, die schon lange bestehende Tabuisierung besteht allerdings weiter.
  • Das Tabu ist ein Tabu, weil wir, Männer wie Frauen, Blut in fast allen Fällen mit etwas negativem assoziieren. Verletzungen, Wunden, Unfälle, alles Vorkommnisse, die wir nicht mit einem hochgereckten Daumen in unserem Leben begrüßen. Und diese Abneigung zu negativen, blutbasierten Events projizieren wir auf die monatliche Blutung.
  • Das Tabu ist ein Tabu, weil wir alle bewusst oder unbewusst durch irgendeine monotheistische Religion geprägt sind. Und monotheistischen Religionen ist inhärent, dass es zwei verschiedene Varianten der AGBen gibt. Eine lockere Variante, die für Männer gilt, sowie die strenge Variante für die Damen. Und so kommt es auch, dass wir alle schon ab der Früherziehung unserer Kinder zwei konträre Moralvorstellungen haben. Kleine Jungen dürfen unbehelligt mit ihren Geschlechtsorganen, denen wir viele Spitznamen geben, herumspielen, während wir versuchen, kleinen Mädchen die Information vorzuenthalten, dass sie überhaupt ein Geschlecht haben. Dieser zweigeteilte Umgang zieht sich dann bis ins Erwachsenenalter weiter.
Der weibliche Körper. Ein detailliertes und akkurates Schaubild.
Der weibliche Körper. Ein detailliertes und akkurates Schaubild.

Während der Recherche für den Beitrag – und mit Recherche meine ich das Gelegentliche Lesen von Blogposts auf meinem Telefon – fühlte ich mich häufig, als würde ich durch die Unterlagen eines Vereins rascheln, dessen Mitglied ich nicht bin. Und ich mag keine Vereine, deswegen störte ich mich daran. Wie hieß es schon in “Skulls”, dem 2000er Flop, der ein gelungener Werbespot für den Rudersport war und mich bestärkte, dass Joshua Jackson in allen Rollen “Pacey” heißen sollte: “If it’s secret and elite, it can’t be good.”.
Sehr häufig sind Artikel, Meinungen, Posts ausschließlich von Frauen an Frauen adressiert, was ja vollkommen OK ist, aber sicherlich der Normalisierung des Themas nicht voranhilft. Ich finde die Frau, die einen zornigen Beitrag zum Thema “männliche Zyklusignoranz” mit “Hallo Mädels” titelt genau so impertinent, wie ihren beschriebenen Partner, der “nur wissen will, wann es nicht geht”. Ihr habt einander verdient. Leider finde ich den Post nicht mehr zum Verlinken, ein Nachteil meiner fluiden Recherchemethodik.
Auch gibt es verhältnismäßig wenig von Männern geschriebenes zum Thema Menstruation. Vermutlich, weil es keine eigenen Erfahrungen dazu gibt, aber das stört bei anderen Themen ja auch nicht. Ich kann auch halbstundenlang über die Auswirkungen der Sauerstoffarmut am Mount Everest auf den menschlichen Körper referieren, während ich in der Rheintiefebene sitze. Ist ja keine Raketentechnik. Und selbst über Raketentechnik kann man schreiben, ohne Wernher von Braun zu sein.

Das Nagelstudio, existiert auch weitgehend ohne männliches Wissen darüber.
Das Nagelstudio, existiert auch weitgehend ohne männliches Wissen darüber.

Jetzt habe ich fast den ganzen Artikel damit verplempert, zu ergründen, warum das Thema ein komisches und / oder schwieriges ist. Ich sollte langsam zum Thema Menstruationsbeschwerden selbst kommen, bevor alle eingeschlafen sind.
Schon das Wort finde ich nicht passend für den schmerzenden Aspekt des Themas. Also den zweiten Teil des Wortes, “Beschwerden” klingt so nebensächlich. Wenn ich Rückenbeschwerden habe, ist es ein bisschen unangenehm, wenn es mehr ist, habe ich Rückenschmerzen. Und nach meiner, zugegebenermaßen second hand-Erfahrung, lassen sich die als Beschwerde betitelten Krämpfe häufig auf der rechten Hälfte der Schmerzskala einordnen.
Im Gegensatz zu den vor kurzem beschriebenen Linkshändern gibt es zum Thema Regelschmerzen nur sehr wenige und oft sehr fragwürdige Statistiken.
Kostprobe? Bei 45 % bis 95 % aller Frauen treten Regelschmerzen auf. Ich frage mich, wie sich so eine Streuung bei einer Befragung ergeben kann.
12 % der 500 Frauen, 1963 befragt wurden, litten unter starken Regelschmerzen. Genau. Nur 500 Befragte. Vor über 50 Jahren. Und das sind die besseren Suchtreffer, immerhin gibt es dort eine Quelle für die Zahl, die meisten Angaben sind einfach so dahingeschrieben.
Immerhin scheinen all die nebulösen Zahlen in die gleiche Richtig zu deuten, ein Großteil aller Frauen leidet unter Regelschmerzen, aber nur ganz wenige versuchen, diesen medikamentös zu begegnen.

Mittlerweile habe ich schon meinen selbst vorgegebenen Rahmen von 1000 Wörtern satt gesprengt, und hab noch nicht mal mit den nicht-schmerzbezogenen Menstruationsbeschwerden wie Körpergefühl und Kleidungswahl, Sozialakzeptanz, Ausstattung öffentlicher Toiletten, … angefangen.
Ich muss aber ja auch was für den Doppelartikel von Horst aufheben. Von wegen Scherzthema.